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Film

25. Januar 2013

Antisemitismus: Nach der Ernte

 Von Ralf Schenk
In Jedwabne wurden im Juli 1941 mehr als dreihundert Juden von ihren christlichen Nachbarn in einer Scheune zusammengepfercht und verbrannt.  Foto: monolith films

Ein neuer Spielfilm zum Thema Antisemitismus spaltet die polnische Gesellschaft. Denn „Poklosie – Nach der Ernte“ nähert sich einem dunklen Kapitel der polnischen Historie.

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Wladyslaw Pasikowski weiß, wie man erfolgreiche Filme macht. Seinen sozialkritischen Thriller „Psy – Hunde“ (1992) sahen Millionen Zuschauer, und auch Andrzej Wajda versicherte sich seiner Mitarbeit, um das „Massaker von Katyn“ (2007) zu einem eindrücklichen Kinoerlebnis zu verdichten. Vor gut zwei Monaten hat der 53-jährige Regisseur nun sein neues Werk in die polnischen Kinos gebracht, und seither eskaliert der Streit, ob es sich um einen Film handelt, der dazu beiträgt, das Gewissen des Volkes zu reinigen – oder um eine böswillige Nestbeschmutzung.

„Poklosie – Nach der Ernte“ nähert sich einem dunklen Kapitel der polnischen Historie: jenen Morden, die Polen während der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg an ihren jüdischen Mitbürgern verübten. Als besonders grausam ging dabei das Massaker von Jedwabne in die Geschichte ein, bei dem im Juli 1941 mehr als dreihundert Juden von ihren christlichen Nachbarn in einer Scheune zusammengepfercht und verbrannt wurden. Die Gier nach den Häusern und Feldern der Juden erwies sich als stärker als jede Humanität. Noch Jahrzehnte nach der Okkupation blieben solche Vorgänge ein Tabu, begriffen sich viele Polen, meist zu Recht, doch als Opfer und nicht als Mittäter der NS-Besatzer.

Metapher für zweite Schändung

Pasikowski war nicht daran gelegen, das Verbrechen von Jedwabne szenisch zu rekonstruieren. Viel mehr als die realen Vorgänge von damals, die nur die Folie für seinen Film bilden, interessierte ihn, ob die folgenden Generationen eine Art von Schuldbewusstsein entwickelten oder sie sich im allgemeinen Schweigen und Verdrängen eingerichtet haben.

Sein Fazit ist erschreckend: In jenem nicht näher benannten Dorf, in dem „Nach der Ernte“ angesiedelt ist, herrschen Misstrauen und Hass gegenüber jedem, der die Schrecknisse von einst thematisiert. Ein junger Bauer, der aus einem tiefen inneren Bedürfnis heraus alte, zur Straßenbefestigung zweckentfremdete jüdische Grabsteine birgt und sie auf seinem Feld zu einem Friedhof vereint, wird an die Scheunentür genagelt wie Christus ans Kreuz. Sein Feld mit den Grabplatten wird Opfer der Flammen: Metapher für eine neuerliche, zweite Schändung.

Pasikowski nutzt Elemente des Action-Kinos, um die Gefühle der Zuschauer in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken. Statt subtiler psychologischer Figurenzeichnung bevorzugt er handfeste Spannungselemente, die er dem Krimi- und Thrillergenre entlehnt hat; für die historischen Hintergründe müssen ein paar erklärende Dialogsätze reichen.

"Sprache des Hasses"

Doch nicht diese holzschnittartige Form, sondern das Thema ist es, das in Polen für heftigste verbale Angriffe auf den Regisseur und den Hauptdarsteller Maciej Stuhr sorgt. Nationalkonservative Kreise kritisieren, dass die Polen zu „Mittätern des Holocaust“ gemacht würden. Der Historiker Bogdan Musial urteilte: „Würde sich jemand im Ausland mit einer ähnlichen Geringschätzung über seine Landsleute äußern, wäre er öffentlich gebrandmarkt.“ Dagegen ließ Polens Kulturminister Bogdan Zdrojewski wissen, er schätze „den Mut, dieses schwierige Thema aufzugreifen“. Regisseure wie Wajda und Polanski oder Schauspieler wie Daniel Olbrychski stehen Pasikowski zur Seite, und die liberale Zeitung „Gazeta Wyborcza“ bot in den vergangenen Wochen eine ganze Reihe von Fachleuten auf, die, teils sogar auf der ersten Seite des Blattes, über den Film und seine Hintergründe debattieren.

Noch immer droht der Schlagabtausch in Niederungen abzugleiten, in denen die „Sprache des Hasses“ triumphiert. Davon, dass die politische Diskussionskultur derart Schaden nimmt, will die polnische Newsweek allerdings nichts wissen – im Gegenteil: Sie beschwor, dass „nur reife Gesellschaften auf der höchsten kulturellen Stufe in der Lage sind, über Unrühmliches aus ihrer Geschichte zu sprechen“. Die Polen seien in dieser Beziehung bereits viel weiter als andere Länder des ehemaligen Ostblocks.

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