Die Filme des in Kanada lebenden Armeniers Atom Egoyan sollten ins All geschossen werden, als Beweis dafür, dass der Mensch zu Großem fähig ist. Vielfältig in Zeit und Raum, Innen- und Außenwelten verschachtelt, entsprechen die Erzählebenen von "Das süße Jenseits" oder nunmehr "Simons Geheimnis" nicht gängigen Sehgewohnheiten. Die Schnitt-Technik führt systematisch in die Irre. Doch welche Existenz ist schon geordnet, wenn Zufall und Psyche, Glaube und Hoffnung miteinander spielen? Manche Betrachter finden Egoyans Werk überkonstruiert, überschätzt und überinterpretiert. Das passiert Meisterwerken schon mal.
In Leonardo da Vincis Proportionsstudie sieht man einen Menschen, der mit ausgestreckten Gliedmaßen sowohl ein Quadrat als auch einen Kreis berührt. Um vorzuführen, wie der menschliche Körper in einer fiktiven Bewegung, also in Zeit und Raum, das Ideal des Goldenen Schnitts erfüllt, hat da Vinci seinem Geschöpf vier Beine und vier Arme gemalt. Wenn Imagination das Bild des Menschen ergänzt, ist die Quadratur des Kreises möglich.
So funktioniert auch "Simons Geheimnis". Ein Schuljunge aus einer christlich-muslimischen Ehe, der nach dem rätselhaften Tod seiner Eltern im Mittelpunkt seiner christlichen Rest-Familie steht, wird, symbolisch gesprochen, mit den Extensionen einer Video-Kamera und eines Internet-Zugangs ausgestattet - erneut reflektiert Egoyan den Einfluss der elektronischen Medien auf unser Dasein. Seine medialen Gliedmaße erlauben Simon Bewegungen in Zeit und Raum und die Fiktion, seinen Platz in der Welt auszufüllen. Bis er aus dem Rahmen einer filmischen "Proportions-Studie" ausbricht und im Erwachsenwerden an die Sphäre des Ungewissen, der letzten Fragen kratzt.
Egoyans langjährige Gefährtin Arsinée Khanjian spielt Sabine, Simons Französischlehrerin, eine zur Toleranz wild entschlossene Flüchtlings-Frau aus dem Nahen Osten. Sie lässt ihre Klasse einen Text übersetzen, der auf einer wahren Geschichte basiert. Ein muslimischer Terrorist hat im Gepäck seiner schwangeren Frau eine Bombe versteckt. Als die Ahnungslose ein Flugzeug nach Tel Aviv nehmen will, entdecken Sicherheitskräfte die Bombe.
Simons Großvater beharrt noch auf dem Sterbebett darauf, dass dessen palästinensischer Vater ein "Mörder" gewesen sei. "Du musst mir glauben", sagt der weiße, schlecht christliche Großvater in die Videokamera, die Simon als Familien-Vermächtnis-Apparat mit sich trägt. Aber glauben heißt nicht wissen, und schon immer hat es falsche Propheten gegeben.
Auch Onkel Tom, der es als 22-Jähriger übernommen hat, Simon aufzuziehen, weicht aus. War Simons Mutter, eine engelsgleiche Geigerin, wie sie in Simons Vorstellungen auftaucht, ein Opfer des dunklen, fremd-gläubigen Vaters? Verletzt und aufgehetzt begeht Simon einen freudianischen Vatermord. Er behauptet, sein Vater sei der Terrorist aus dem Unterrichtsstoff gewesen. Nur seiner Lehrerin gesteht er, dass er sich etwas zusammenreimt. Während er sich mit Freunden in einem Chatroom darüber ereifert, ob, für welchen Gott, für welche Ideologie man seinen buchstäblich Nächsten töten darf, verselbstständigt sich seine Schöpfung.
Was sonst im Kopf des Zuschauers geschieht, überträgt Egoyan auf die Internet-Community. Die "Second World" der erfundenen Internet-Identität färbt auf die "Realität" des Chatrooms ab: Verwirrte Menschen offenbaren sich als "Überlebende" des Anschlags, der nie stattgefunden hat. Jedes Leben ist ein Geheimnis in diesem Film, der an das Rätsel Kindheit und die Drehbücher zur Verklärung oder Verteufelung unbewältigter Familiengeschichten rührt.
Und hat nicht der jüdische Gott seinen Sohn Christus am Kreuz geopfert, um das Leiden aus der Welt zu schaffen? Glaubte der Terrorist aus der Lehr-Stunde etwa, dasselbe zu tun? Man braucht kein Vorwissen, um diesen emotional aufrüttelnden Film zu entschlüsseln. Man muss sich nur der Logik dieses Erzählens anvertrauen, das wellenartig Augen, Verstand und Herz mit sich reißt und wie jeder Ozean auf ein rettendes Ufer ausgerichtet ist. Dann landet man bei Mitgefühl, Toleranz und der Befreiung von falsch verstandenen Göttern.
Simons Geheimnis, Regie: Atom
Egoyan, CAN 2008, 100 Minuten.