Auch das Betteln hat nirgendwo mehr Stil als in Cannes. Wer keine Karte hat für eine Galavorführung, zieht sich fein an und posiert auffällig mit seinem Wunschzettel vorm Palais. In der Regel mit Erfolg. Denn wer als Branchenvertreter Karten hat und sie verfallen lässt, wird vom Kartenbüro des Festivals mit Punktabzug bestraft. Gestern konnte sich ein Bittsteller besonderer Aufmerksamkeit erfreuen: Er hatte seinen Wunsch auf ein I-Pad getippt. So also sieht die Zukunft aus. Wird man auf dem weltgrößten Markt für bewegte Bilder bald ganze Filme auf den digitalen Tabletts servieren?
Man wäre ja froh, wenn es überhaupt etwas Interessantes zu sehen gäbe. Aus Deutschland, war von einem Juror der Vorauswahl zu erfahren, sei unter rund vierzig Einreichungen kaum mehr zu entdecken gewesen als auch tatsächlich in die Nebensektionen des Festivals aufgenommen wurde: Am prominentesten ist dort Christoph Hochhäuslers Business-Thriller "Unter dir die Stadt" vertreten. Hoffentlich waren andere Filmländer ertragreicher.
Vier von neunzehn Filmen kommen aus Frankreich, auf den ersten hätte man verzichten können. "Tournee" ist das Regiedebüt eines großartigen Schauspielers, Mathieu Amalric, der in Deutschland vor allem durch "Schmetterling und Taucherglocke" bekannt wurde. Die zentrale Figur spielt er selbst, den Tour-Manager einer Truppe amerikanischer Burlesque-Tänzerinnen, die mit ihrer schrillen Striptease-Show die französische Provinz abklappern. Der Grundton des Films ist hysterische Aufgekratztheit, ob hinter der Bühne oder auf ihr, wo höchstens Entertainment-Archäologen auf ihre Kosten kommen. Denn selbst in der Vaudeville-Kultur der 1920er Jahre, der hier gehuldigt wird, ging es einfallsreicher zu. Vor allem disziplinierter: Offensichtlich auf den Spuren des großen Cassavetes setzt Amalric auf den Effekt von Improvisation und Nähe. Mit einem brauchbaren Drehbuch wäre er weiter gekommen.
Schon am Mittwoch hatte das Festival seinen ersten Pfeil verschossen: Ridley Scotts "Robin Hood" (FR vom Mittwoch), der beim internationalen Publikum durchfiel. Zur Sicherheit hatte Programmchef Thierry Frémaux auch die italienische Skandalkatze früh aus dem Sack gelassen. Doch Sabina Guzzantis regierungskritische Dokumentation über Erdbebenopfer, "Draquila - L´Italia che trema" entpuppte sich als zahnloser Tiger. Unterlegt mit den gleichen stimmungstreibenden Rhythmen, die Michael Moore gern benutzt, geschnitten in ähnlichem Stakkato, fehlte dem Dokumentarfilm doch der Atem, den Bogen so weit zu spannen, wie es die Regisseurin angekündigt hatte.
Dabei wäre der Anlass gut gewählt gewesen, das autokratische Auftreten des Regierungschefs bloßzustellen. Allen obdachlos gewordenen Einwohnern des Städtchens L´Aquila versprach Berlusconi medienwirksam eine gepflegte Neubauwohnung komplett mit Spumante-Flasche im Kühlschrank und einem Gruß.
Und er hielt Wort: Während die Altbauten weiter verfielen, nicht zu reden von den Kunstschätzen der Altstadt, behandelte man die Opfer wie Kinder. Zunächst in ihren Zeltstädten und Hotelunterkünften, dann wie versprochen in möblierten Wohnungen, in denen sie jetzt über jeden Espressolöffel Buch führen müssen. Für Michael Moore wäre das ein Einstieg gewesen in eine Gesellschaftskritik. Doch dazu müsste man analysieren, welche wunden Punkte der Volksseele Berlusconi immer wieder so erfolgreich ansteuert, um die Frage zu beantworten, die im Werbetext zum Film an erster Stelle steht: "Warum wählen Italiener Berlusconi?"
Nur ein Film des offiziellen Programms konnte wenigstens einen achtbaren Eindruck hinterlassen. Der chinesische Filmemacher Wang Xiaoshuai folgt in seinem Drama "Rizhao Chongqing" (Chongqing Blues) um eine zu spät erkannte Vaterliebe einem Schiffskapitän in seine Heimatstadt. Sein Sohn, den er seit der Kindheit nicht gesehen hat, ist als Geiselnehmer von der Polizei erschossen worden. Erst allmählich wird sich der Mann seiner Trauer bewusst. Nun sucht er Zeugen der Tragödie auf, schließlich den Polizisten, der den verhaltensgestörten jungen Mann erschoss. Es ist eine Chronologie tragischer Versäumnisse. Gern würde man sie metaphorisch lesen, doch bleiben sie aufgereihte Ereignisse.
Man beginnt immerhin, sich für die Nebensächlichkeiten des Dramas zu interessieren: die lebensvolle Zeichnung des Alltags in Chongqing. In einer zentralen Szene lässt sich der Vater das Geisterbild, das eine Überwachungskamera von seinem Sohn aufnahm, auf Postergröße abziehen. Nun steht der Seemann vor einem Meer aus Pixeln. Doch statt zu rühren, wirkt das wie eine Szene aus einem schlechten Wenders-Film.