Ich habe sie geliebt. Ich wusste nicht, dass man überhaupt so lieben kann. Oder dass ich es könnte. Sie hieß Mathilde..." So beginnen Liebesdramen. Oder wenigstens taten sie es, als sie noch etwas häufiger im Kino anzutreffen waren. "Love Story" zum Beispiel begann ganz ähnlich mit einer bedächtig-melancholischen Erzählerstimme, aber wenn man den Film, der kürzlich als Gratis-DVD auf einer Fernsehzeitschrift klebte, heute wiedersieht, dann hat der Zahn der Zeit auch ein beträchtliches Stück davon abgenagt. Die Zeiten ändern sich. Heute boomen launige Hochzeitskomödien, aber keine Liebesdramen.
Das französische Melodram "Ich habe sie geliebt" kommt wie ein Zeitreisender zurück aus dieser Kinoepoche, und noch dazu ist es ein viel besserer Film als "Love Story". Er ist schon eine knappe halbe Stunde alt, als Daniel Auteuils Stimme aus dem Versteck eines gewaltigen Ohrensessels am Kaminfeuer die Titelzeile spricht.
Ich habe sie geliebt, Regie: Zabou Breitmann, Frankreich 2008, 112 Minuten.
So beginnt eine Rückblendenerzählung, adressiert an ein sehr spezielles Publikum, bestehend aus einer einzigen Person: Die verheulte Schwiegertochter des Erzählers hat sich mit den Kindern bei ihm einquartiert, das Drama der vorausgegangenen Tage ist ihr ins Gesicht geschrieben. Gern würde sie den Vater des abtrünnigen Gatten dafür in Sippenhaft nehmen. Doch der ältere Herr, der sich in traditionell-französischer Art von ihr siezen lässt, erzählt einfach nur von sich. Er überfällt sie einfach mit dem Geheimnis seines Lebens, der Chronik einer heimlichen Affäre, episch in ihrem zeitlichen Bogen, schillernd in ihrer Gefühlstiefe.
"Ich habe sie geliebt", Trailer. Frankreich 2008
Die Moral nimmt er gleich vorweg: So ergehe es einem, wenn man die Trennung vermeide und sich in ein Doppelleben verstricke. Ihr Mann sei zweifellos ein Schuft, aber wenigstens darin habe er recht gehandelt. Und wie sein verdutztes Gegenüber verlieren wir uns im Sog einer Liebesgeschichte, wie sie vor vierzig Jahren vielleicht Claude Lelouch auf die Leinwand gebracht hätte. Da sie ihre stimmungsvollsten Schauplätze in Hongkong findet, kann man dabei noch an einen zweiten Filmemacher denken, den die Franzosen oft mit diesem schwelgerischen Emotionalisten vergleichen: Wong Kar-Wai.
Für den von Auteuil gespielten Ingenieur und Direktor einer florierenden mittelständischen Firma verwandelt sich trockene Routine in Magie, als er bei einem Verkaufsgespräch einer charismatischen Übersetzerin begegnet. Deren Darstellerin Marie-Josée Coze ist auf eine so intelligente Weise schön, dass man die Irritation des Mannes unmittelbar versteht. Auch die chinesischen Kunden verstehen das sofort. Als Zeugen dieses inneren Erdbebens, bitten sie darum, das Meeting zu vertagen: Nichts sei gefährlicher als ein verliebter Franzose.
Eine der großen Liebesszenen
Diese herrliche Szene ist jetzt schon eine der großen Liebesszenen der jüngeren Filmgeschichte, und man wundere sich nicht, wenn "Ich habe sie geliebt" einmal neben "Die Brücken am Fluss", "In the Mood for Love" und "Brokeback Mountain" in den Klassiker-Regalen stehen sollte. Was den von Zabou Breitman inszenierten Film aber vor allem mit seinen Vorgängern verbindet, ist sein Fatalismus. Denn die Liebesgeschichte, die er erzählt, ist von vorn herein zum Scheitern verurteilt.
Warum nehmen Menschen überhaupt die Mühsal heimlicher Affären auf sich und verlassen nicht einfach ihre gescheiterten Ehen? Der Protagonist erkennt diesen Fehler erst im Nachhinein, und doch hätte er wohl nie heraus gekonnt aus seiner Haut. Es ist eine Mischung aus Schwäche und Konfliktscheue, Fürsorge und Statusdenken. Dass er seine Familie gerade durch sein Doppelleben missachtet und vernachlässigt, bemerkt er dabei gar nicht mehr.
Seine ganze Welt ist die Geliebte, und damit sich wenigstens ihr Leid in Grenzen hält, überträgt er ihr einfach die Regie. Sie allein bestimmt fortan, ob sie Zeit hat oder nicht und an welchen Orten man sich trifft. So entsteht ein Glück auf Raten, das immer mehr aufgefressen wird von den Zinsen, die es kostet.
Zwischen Schwelgen und Brecht'scher Verfremdung
Wie seine literarische Vorlage, die gleichnamige Novelle von Anna Gavalda, ist "Ich habe sie geliebt" ein Plädoyer für die Trennung zum richtigen Zeitpunkt. Nicht überall versteht man diese Botschaft. In den sittenstrengeren USA kam dieser Film nicht besonders gut an, was kein Wunder ist, denn nicht nur moralisch widerspricht er den Konventionen großer Liebesfilme. Zabou Breitmans Regie wechselt zwischen schwelgerischen, wortlosen Passagen und Momenten von Brecht´scher Verfremdung.
Die Regisseurin, die als Schauspielerin hinter die Kamera wechselte, platziert etwa in einer Szene die Schwiegertochter in den Hintergrund einer Rückblendenszene. Oder sie lässt die Liebende einfach einmal einen Satz in russisch sprechen. Ein anderes Mal mischt sie bei einem wichtigen Dialog die Musik in den Vordergrund.
Zugleich hat sie den Dialog in ihrem Drehbuch auf ein ganz erstaunliches Niveau gehoben, wenn sie enorme Feinheiten in die Sprache des Protagonisten legt: So macht sie sein Gefängnis aus Korrektheit und Empfindsamkeit erst anschaulich. Sie entlässt ihren Helden nicht aus seiner Zwiespältigkeit und macht ihn damit weit menschlicher, als es bei einem reinen Sympathieträger der Fall gewesen wäre.
Sie knüpft damit an ein großes Vorbild an, Truffauts klassischen Anti-Liebesfilm "Die süße Haut". Man kann sich diesen hinreißenden Film aus keiner anderen Kino-Nation vorstellen. Er ist so getragen und verspielt, pathetisch und lebendig wie es das französische Kino eben sein kann in seinen großen Augenblicken.