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Film

25. August 2010

Biografie eines Maverick: Praktikanten aller Filme, vereinigt euch!

 Von Daniel Kothenschulte

Richard Linklaters „Ich und Orson Welles“ erzählt aus der Perspektive eines Teenagers und spielt noch vor der Zeit, als es den genialischen Regisseur nach Hollywood zog, um sich mit „Citizen Kane“ zu verwirklichen.

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Schön, dass es in dieser Woche nicht nur einen schlechten Film über das Filmemachen gibt (siehe „Das Leben ist zu lang“), sondern auch einen guten über das Theater. „Ich und Orson Welles“ spielt noch vor der Zeit, als es den genialischen Regisseur nach Hollywood zog, um sich mit „Citizen Kane“ zu verwirklichen.

Im Herbst des Jahres 1937 ist Welles in New York bereits ein gefeierter Bühnen- und Radiostar. Nun probt er an seiner modernen Fassung von „Julius Cäsar“, die in die Theatergeschichte eingehen soll. Das heißt, wenn er es zwischen seinen vielen Aktivitäten überhaupt einrichten kann, die Mitwirkenden mit seiner Anwesenheit zu beglücken. Es gelingt ihm mitunter – dank des Blaulichts eines gemieteten Krankenwagens –, seine Termine einzuhalten. Orson Welles ist gerade zweiundzwanzig Jahre alt.

Es wundert nicht, dass Richard Linklater, einer der Unbeirrt-Unabhängigen im amerikanischen Kino, von diesem Maverick fasziniert ist. Doch „Ich und Orson Welles“ erliegt zu keinem Zeitpunkt dem Genie-Kult. Linklater erzählt seinen Film aus der Perspektive eines Teenagers, der als unbezahlter Nachwuchsdarsteller eine Nebenrolle ergattert hat. Und sich fasziniert einreiht in das Heer all der Talente, die ihre kreative Lebenszeit am Mercury Theatre ganz dem Meister verschrieben haben – und dies meist in Form tagelangen Wartens. Doch es gibt keinen Stillstand in einem Theater. Zwischen den großen Stücken spielt man die kleinen Intrigen.

Orson Welles bezahlte seine Mitarbeiter sein Leben lang in einer Währung: Mit jenen kreativen Funken, die für jeden abfallen, der sich in der Gegenwart eines Genies bewegen darf. Der junge Nachwuchsschauspieler jedoch, den der Jungstar Zac Efron mit aller gebotenen Leinwandpräsenz verkörpert, wird in den Augen des Meisters vertragsbrüchig, als er ein wenig mehr fordert. Er hat sich in Welles’ quirlige Assistentin (Claire Danes) verliebt, einen Typ wie Katharine Hepburn. Und er ist nicht bereit, sie an den Meister abzutreten. Auch wenn sie selbst damit keinerlei Probleme hätte.

Orson Welles selbst reagiert auf die Herausforderung so kühl und schamlos wie ein großer Schurkendarsteller. Christian McKay, der ihn verkörpert, erfasst kongenial sein zwiespältiges Charisma. Er ist siebenunddreißig, aber so alt muss man wohl sein, um den 22-jährigen Welles zu erfassen.

Linklater, der als Filmfan und Kinemathekenbetreiber zur Regie kam, würde dennoch nie am Sockel seines Idols kratzen. Anders jedoch als bei einem typischen „Biopic“ gehört seine Sympathie all jenen Ausgebeuteten, mit denen der Weg des Genies gepflastert ist. Aber hat sich nicht auch Welles zeitlebens von anderen ausbeuten lassen, um wenigstens ein paar seiner Visionen zu verwirklichen? Linklaters Film vermittelt auf wunderbare Weise alle Facetten kollektiver Kunstarbeit: Das Glück, sich einzubringen, aber auch die Warnung vor der Ausbeutung.

Ich und Orson Welles, Regie: Richard Linklater, USA 2010, 114 Minuten.

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