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Film

20. Mai 2010

Cannes: Barcelona, ungeschönt

 Von Daniel Kothenschulte
Javier Bardem ist wohl der beste Darsteller in Cannes 2010.  Foto: afp

In Cannes entschädigt Regisseur Iñárritu mit einem Meisterwerk für viele Qualen: "Biutiful" ist so gut, dass es schmerzt. Von Daniel Kothenschulte

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Mit einem kurzen Video des verhinderten Jurymitglieds Jafar Panahi hatte das Festival begonnen, nun kam die Nachricht, dass sich der Regisseur in einem Teheraner Gefängnis im Hungerstreik befindet. In einer Erklärung, die Freunde Panahis über Facebook verbreiten, heißt es: "Ich habe seit Sonntag früh kein Essen und keine Flüssigkeiten mehr zu mir genommen. Ich werde auch weiterhin nichts essen und trinken, um mich nicht in ein Meerschweinchen zu verwandeln, das unter verschiedener Foltermethoden, psychologischem und geistigem Missbrauch, zu falschen Aussagen gezwungen wird. Ich schwöre beim Kino, an das ich glaube, dass ich den Hungerstreik nicht beenden werde, bis meine Forderungen erfüllt sind. Ich verlange nur, dass mein Körper meiner Familie zur Beisetzung ausgehändigt werden wird."

In dem in Cannes gezeigten Interviewausschnitt hatte Panahi, seit März ohne Anklage inhaftiert, von einer früheren Festnahme berichtet. Ein Polizist hatte ihn damals im Verhör unablässig mit der Frage konfrontiert, warum er denn sein Land nicht verlassen wolle. Im Anschluss beglückwünschte ihn der Staatsdiener als Kinofan zu seinem Sozialdrama "Der Kreis".

Etwas Merkwürdiges geschieht in Cannes. In der Flut schlechter Filme müsste das Besondere um so mehr ins Auge stechen, aber das Gegenteil scheint der Fall. Mit "Biutiful", dem neuen Werk des Mexikaners Alejandro González Iñárritu, präsentiert das Festival eine seltene Perle, und die Mehrzahl der Kritiker lässt sie einfach liegen. Weit abgeschlagen rangiert das Melodram im täglichen Umfragespiegel, aber gottlob gibt es ja noch eine Jury, der Tim Burton vorsitzt. Und wenn sich dieser Verfechter eines bildhaften, künstlerisch durchdrungenen Kinos auch im ernsten Genre treu bleibt, muss das die Goldene Palme werden. Und einen besseren Darsteller als Javier Bardem wird man auch nicht finden.

Er spielt Uxbal, einen tragischen Lebenskünstler in der Halbwelt Barcelonas, der zwei Kinder und eine depressive Frau mit illegalen Dienstleistungen ernährt. Markenpiraterie ist eine davon, und damit die falschen Taschen zusammengeschustert werden können, holt er Einwanderer illegal ins Land. Gleichzeitig beschützt er diese Mittellosen und kümmert sich um die Frau eines abgeschobenen Afrikaners. Er lässt sich für das Handauflegen bei Toten bezahlen, mit deren Seelen er zu kommunizieren behauptet. Man ahnt erst spät, dass dies nicht einmal zum betrügerischen Teil seiner Tätigkeiten gehört. Als man bei ihm Krebs diagnostiziert, versucht er, wenigstens ein paar der verfransten Fäden seines Lebens zu glätten und die Kinder zu versorgen. Stattdessen aber, und erst hier beginnt der eigentliche Film, zerbricht alles, was er anfasst, in tragischer Weise. Das aber füllt die Leinwand mit Lebenssplittern von tieftrauriger Schönheit. Wann konnte man das zuletzt sagen: Dieser Film ist so gut, dass es schmerzt.

So verwegen konstruiert die Grundidee erscheint, so wahrhaftig ist diese Feier des Lebens im Angesicht seiner Auflösung. Es ist Iñárritus bei weitem bester Film, tiefgründiger als "Amores Perros", der ihn 2000 weltweit bekannt machte und weit entfernt vom bemühten Formwillen seines Oscar-Gewinners "Babel".

Seine Fantasie lenkt er diesmal in eine einzige, umso stärker ausgemalte Bilderzählung. Und schafft es dennoch, über die Grenzen von Diesseits und Jenseits zu blicken: Wie in der Szene, wo Uxbal den Sarg seines ihm unbekannten Vaters nach Jahrzehnten öffnen lässt, weil man auf dem Friedhof ein Einkaufszentrum baut. Auch diese metaphorische Begegnung mit dem eigenen Tod könnte leicht in schlechten Geschmack umkippen. Stattdessen ist sie voller Würde und Poesie. Und das alles in einem schockierend ungeschönten Barcelona.

Weit, weit entfernt von dieser Qualität sind die meisten Wettbewerbsbeiträge, und auch in den anderen Sektionen wird man nur schwer fündig. Nach dem koreanischen Beitrag "The Housemaid" von Im Sangsoo, einem einfallslosen Remake des gleichnamigen Filmklassikers von Kim Ki-young, folgte eine weitere glücklose Neuauflage. Der Iraner Abbas Kiarostami nahm sich einen Rossellini-Klassiker zum Vorbild, wobei ihn das Wort "Hommage" wohl vor einer Plagiatsklage schützen soll.

Juliette Binoche spielt eine Französin in der Toskana, die einen englischsprachigen Philosophen aus der analytischen Reserve locken will. Naive Kunstbetrachtungen und unwidersprochene Bauernweisheiten über die Rolle der Frau sind der einzige Gehalt seiner französischen Produktion "Copie Conforme". Das unerreichte Original gegenüber dieser "bestätigten Kopie" ist Rossellinis "Reisen in Italien". Ohne die Erinnerung an Kiarostamis frühere Meisterwerke würde man sich hier kaum damit beschäftigten.

Ein anderer abgetretener Meister, Japans Takeshi Kitano, unterhält zumindest noch die härtest gesottenen Fans mit der Yakuza-Farce "Outrage". Zwei Banden dezimieren einander stückweise. Sonst passiert nichts. Wie in seinen Gemälden, die derzeit in der Pariser Fondation Cartier ein breites Familienpublikum erfreuen, geht es Kitano auch im Splattergenre um die Symmetrie - den Gleichklang in der Rache. Man hat es schon einmal besser gesehen bei Laurel und Hardy: Damals hieß das Ganze "Tit for Tat" - "Wie du mir, so ich dir". Gäbe es doch nur in Cannes diese ausgleichende Gerechtigkeit: Für jeden schlechten Film einen guten

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