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Film

13. Dezember 2012

Charles Dickens „Große Erwartungen“: Große Enttäuschungen

 Von Christian Schlüter
Szene aus "Große Erwartungen": Holliday Grainger als Estella und Jeremy Irvine als Pip. Foto: dpa

Mike Newell hat Dickens’ Roman „Große Erwartungen“ verfilmt und umwebt die Armut mit Schönheit und wohl dosiertem Grauen. Zum Schluss geht der opulent gestalteten Geschichte allerdings der Atem aus.

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Mike Newell hat Dickens’ Roman „Große Erwartungen“ verfilmt und umwebt die Armut mit Schönheit und wohl dosiertem Grauen. Zum Schluss geht der opulent gestalteten Geschichte allerdings der Atem aus.

Zu Beginn ist alles ganz einfach. Wunderschöne Marschlandschaften erstrecken sich bis zum Horizont. Saftiges Grün, dichtes Schilf, karge Bäume, kieseliges Ufer, einsame Häuser und auch tiefer Matsch. Der Kamera von John Mathieson („Gladiator“) entgeht nichts, sie schwelgt in großen weiten Bildern, erspart sich aber auch nicht die Arbeit am Detail – noch das Moos, das sich in den Ritzen einer Grabsteininschrift eingenistet hat, wird liebevoll in Szene gesetzt. Und sobald sich dichter Nebel über alles legt, was in dieser Gegend am Unterlauf der Themse häufiger passiert, kriecht den Menschen hier der Schrecken in die Glieder.

Mike Newells neuer Film „Große Erwartungen“ umwebt die Armut mit Schönheit und wohl dosiertem Grauen. Charles Dickens, auf dessen Roman diese Verfilmung beruht, ging es um die Darstellung des erbärmlichen Lebens von Menschen im England des 19.Jahrhunderts. Dickens erzählt von dem kleinen Jungen Pip, einem Vollwaisen, der bei seiner älteren, so gehässigen wie herrschsüchtigen Schwester und ihrem Mann, dem gutmütigen und grundehrlichen Dorfschmied Joe Gargery, aufwächst. Eines Tages hilft Pip dem entflohenen Sträfling Magwitch, ein Umstand, der ihm etliche Jahre später zu unverhofftem Reichtum verhilft – dem Ende des einfachen Lebens.

Der Film hält sich an die Romanvorlage. Dabei bietet er außer schönen Bildern eine hervorragende Besetzung. Der Sträfling Magwitch (Ralph Fiennes) ist in Australien zu Wohlstand gekommen und will sich bei Pip mit viel Geld bedanken. Das ist der Auftakt zu einem wahrlich vertrackten Beziehungswirrwarr. Denn der junge Pip (Toby Irvine) hatte unterdessen begonnen, die exzentrische Miss Havisham (Helena Bonham Carter) zu besuchen und sich in deren bezaubernde Pflegetochter Estella (Helena Barlow) verliebt. Diese Liebe wird Pip nicht mehr loslassen; er hofft inständig, Estella eines Tages als ebenbürtiger Gentleman wieder begegnen zu können.

Brodelnde Jauchegrube

Hier nun kommt der Geldsegen ins Spiel. Der Londoner Anwalt Mr. Jaggers (Robbie Coltrane) übermittelt dem mittlerweile erwachsenen Pip – er wird jetzt von dem älteren Bruder Tobys, von Jeremy Irvine gespielt – die frohe Botschaft von einem unbekannten Gönner. Pip geht nach London und beginnt ein Leben in Saus und Braus. Tatsächlich trifft er auch Estella (jetzt Holliday Grainger) wieder, die sich allerdings einem brutalen, dafür reichen Nichtsnutz an den Hals wirft. Es ist zum Verzweifeln – wie soll Pip auch ahnen, dass Miss Havisham ihre Pflegetochter zu einem eiskalten Engel erzogen hat, der stellvertretend für sie Rache an den Männern nehmen soll!

Dickens erfand für dieses Handlungslabyrinth eine elegante, ja unterhaltsame Form; er hatte offenbar Freude an den abrupten, schicksalhaften Wendungen. Und dabei war noch gar nicht die Rede davon, dass Miss Havishams Rachegelüste mit ihrem Hochzeitstag zu tun haben, an dem sie von ihrem Bräutigam verlassen wurde, dass ihre Pflegetochter Estella eigentlich die Tochter von Magwitch ist und dass der wiederum der untreue Bräutigam war... Dickens „Große Erwartungen“ bestehen vor allem aus Enttäuschungen; sie münden in die Erkenntnis, dass Geld allein nicht glücklich macht. Übrig bleibt am Ende nur ein großer Schuld- und Schuldenzusammenhang.

Es geht auch anders

Newells Film folgt Dickens’ Geschichte über die erste Hälfte hinweg sehr genau. Dabei ersteht London vor unseren Augen als brodelnde Jauchegrube, jedenfalls in den Armenvierteln, und als Gespinst aus Habgier, Betrug und Lüge. Im letzten Drittel aber geht Mike Newell seiner opulent ausgestatten Geschichte der Atem aus, allzu hastig ist ihm die Auflösung des hier nur angedeuteten Labyrinths geraten. Dabei wurde dieser in den angelsächsischen Ländern durchaus populäre Stoff schon so häufig verfilmt, dass bereits ein kurzer Blick in die jüngere Geschichte gezeigt hätte, dass es auch anders geht. Genannt sei hier nur die in die Jetztzeit verlegte Verfilmung von Alfonso Cuarón mit Ethan Hawke und Gwyneth Paltrow in den Hauptrollen (1998). Wer den ganzen Dickens haben möchte, der sollte zum Buch greifen.

Große Erwartungen USA/GB 2012. Regie: Mike Newell, Kamera: John Mathieson, Darsteller: Ralph Fiennes, Helena Bonham Carter, Holliday Grainger, Jeremy Irvine u.a.; 128 Minuten, FSK ab 12.

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