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Claire Denis' "35 Rum": Brenne auf mein Licht

Eine Geschichte entgegen den Klischees vom gleichgültigen Vater und der Drogenhochburg Vorstadt. Schlicht und ergreifend. Von Heike Kühn mit Video

Gegen die Klischees vom gleichgültigen Vater und von der Drogenhochburg Vorstadt: Claire Denis' 35 Rum.
Gegen die Klischees vom gleichgültigen Vater und von der Drogenhochburg Vorstadt: Claire Denis' "35 Rum".
Foto: Realfiction

In "Le Fis", einem Film der belgischen Brüder Dardenne, verkauft ein drogenabhängiger, blutjunger Vater seinen neugeborenen Sohn, weil er glaubt, jederzeit einen neuen machen zu können. Im iranischen Kino ist der gleichgültige oder aus Arbeitsmangel zur Abwanderung gezwungene Vater eine feste Größe. In US-Filmen taucht oft ein selbstherrlicher Über-Vater auf.

Claire Denis, 1948 in Paris geboren, aufgewachsen in Französisch-Westafrika, setzt in ihrem schmalen, aber zeitlos beeindruckenden Werk auf gänzlich andere Beziehungen. Auch in ihrem Meisterwerk "Ich kann nicht schlafen" scheitert die Ehe zwischen einer weißen Französin und einem Schwarzafrikaner. Doch an dem gemeinsamen Sohn hält der afrikanische Vater mit rührender Umsicht fest.

In ihrem neuen Film "35 Rum" steht mit dem Zugführer Lionel abermals ein dunkelhäutiger Vater im Mittelpunkt, der sein Kind alleine und allen Kino-Mustern zum Trotz mit Liebe aufgezogen hat. Die deutsche Mutter ist gestorben, mit der kreolischen Nachbarin Gabrielle hat der attraktive Lionel ein Verhältnis gehabt. Geheiratet hat er nie wieder.

Am Anfang des Films kauft Lionels zwanzigjährige Tochter Joséphine einen Reiskocher. Er ist weiß, mit Bärchen verziert und spricht von der Kindheit, die die Studentin nicht aufgeben will. Auch ihr Vater kehrt mit einem Reiskocher heim. Angesichts seines Liebesbeweises verliert Joséphine kein Wort über die eigene Anschaffung.

Am Ende des Films wird Lionel den weißen Reiskocher entdecken: Nun hat er zwei davon, doch die Küche, der Joséphine sonst Dampf machte, bleibt kalt. Beinah wortlos skizzieren Filmanfang und -ende ein mimetisches Vater-Tochter-Verhältnis und den verwirrenden Aufbruch ins jeweils eigene Leben.

Nicht nur Lionels Fürsorge zeichnet ein zärtlich abweichendes Bild, auch die Pariser Vorstadt, in der die Protagonisten wohnen, widersetzt sich dem Klischee der Drogen- und Kriminalitätshochburgen. Zeichen gegenseitiger Fürsorge, aber auch stärkender Eigenliebe sind mit schöner Beiläufigkeit über den Film verstreut.

35 Rum (Trailer, französisch) Regie: Claire Denis, 2008

Das Geld ist knapp, doch der Respekt gegen andere und sich selbst groß. Während Lionel, Joséphine und Gabrielle ihr Leben ganz in den Dienst familiärer Geborgenheit stellen, erzählen die Figuren in ihrem Umfeld von Auflösungsprozessen.

Wie Lionel ist auch sein Kollege René Führer eines Regionalzuges, der Stadtrand und Vororte verbindet, aber nie ins Herz von Paris vordringt. Doch René verkörpert einen Zweig, der aus der Muttererde verpflanzt, im fremden Land nie zu blühen begonnen hat. Als er pensioniert wird, geht der Rest seiner verfahrenen Identität verloren. Umgekehrt ist der weiße Franzose Noé, der verwildert im Dachgeschoss über Lionel und Joséphine lebt, nie in seiner Heimat angekommen. Den jungen Mann, sehnsüchtig gespielt von Grégoire Colin, zieht es nach Afrika, weil seine Kindheitsliebe Joséphine nichts von Bindung wissen will.

Nur die Farben, die wie stets bei Claire Denis eine eigene Geschichte erzählen, verraten, wie nahe Noé und Joséphine sich sind: Blau, Gelb und Grau sind alle ihre Dinge, und je nachdem, was gerade im Bild überwiegt, färbt sich auch ihre Stimmung. Schlicht und ergreifend wie die Filmmusik, die gleich lieben Gewohnheiten auf Wiederholungen setzt, ist das Spiel der Hauptdarsteller. Mati Diop ist als Tochter, die in eine andere Liebe hineinwächst, bezaubernd zögerlich. Alex Descas macht Freude und Schmerz väterlicher Selbstlosigkeit in Umarmungen sichtbar, die seiner Tochter den Halt geben davonzugehen.

Eine seltsame Episode führt Vater und Tochter vor der endgültigen Trennung nach Lübeck, um das Grab der Mutter zu besuchen. Dort treffen sie auf deren Schwester, die Ingrid Caven so darstellt, als sei das Delirium der natürliche Zustand aller deutschen Tanten.

Das peinliche Intermezzo verfliegt mit dem Meereswind, wenn Lionel und Joséphine beim Campen in den Dünen auf etwas wirklich typisch Deutsches stoßen. Kinder mit Laternen ziehen singend an ihnen vorbei. "Brenne auf mein Licht, aber nur meine liebe Laterne nicht", das könnte auch Lionels Wunsch für seine Tochter und seine Angst vor der Einsamkeit sein.

Und die 35 Getränke im Titel? Damit muss man bei Claire Denis leben, dass nicht jede Geschichte ausgesprochen werden kann. Manche künstlerischen Auslassungen muss man einfach schlucken.

35 Rum, Regie: Claire Denis, F/D/B 2008, 105 Minuten.

Autor:  HEIKE KÜHN
Datum:  4 | 3 | 2009
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