Vielleicht wird Clint Eastwood ja wirklich mit dem Alter immer noch besser. Vielleicht werden wir aber auch einfach nur älter. Zu alt für den Normalzustand dessen, was es im Kino derzeit zu sehen gibt, sehnsüchtig nach der hohen Kunst, die in Hollywood einmal alltäglich war.
Der Beginn von Eastwoods Regiekarriere fällt in die Ära des New Hollywood. Dreieinhalb Jahrzehnte ist das nun her, und viele der Filmemacher von damals sind noch aktiv: Scorsese, Spielberg, De Palma, Coppola, Forman, Polanski, Woody Allen. Sie alle haben gute Tage und schlechte Tage, von letzteren wohl etwas mehr. Nur Eastwood dreht Meisterwerke in Serie.
In einer Szene von "Gran Torino" schleppt er als 78-jähriger Rentner Walt Kowalski einen gewaltigen Kühlschrank aus dem Keller. Thao, der asiatisch-stämmige Nachbarjunge, der ihm zur Hand geht, versteht den Aufwand nicht. Warum die Plackerei? "Sie machen sie heute einfach nicht mehr so gut", antwortet Eastwoods Filmfigur. "They don't make 'em like that anymore": Es ist das Mantra des konservativen Amerika - aber etwas Wahres ist daran.
Eastwood, der Regisseur, bestätigt Kowalski und widerlegt ihn doch. Bevor die guten Filme wirklich nicht mehr gemacht werden, muss man die Sache wohl selbst in die Hand nehmen. Schon die Eröffnungszene ist meisterhaft, vielleicht ist es die unsentimentalste Beerdigungssequenz der Hollywoodgeschichte. Dazu trägt bei, dass wir die Verstorbene Mrs. Kowalski nicht mehr kennen lernen durften. Ihr Witwer nimmt die Beileidsbekundungen ungerührt ab wie ein militärisches Zeremoniell. Doch niemand außer ihm scheint wenigstens die bescheidenen Anstandsregeln dieses Rituals zu beherrschen. Seine Enkelin kommt gar im bauchfreien Outfit daher und geiert schon nach Opas Erbe.
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Gran Torino (Trailer) Regie: Clint Eastwood, 2008
Auf seinen "Gran Torino" ist sie scharf, jenes legendäre Ford-Modell von 1972, das der ehemalige Werksmonteur hütet wie seinen Augapfel. Die perfekte Kreuzung aus Limousine und Sportwagen in Grün. They don't make 'em like that anymore. Wer mit solchen Enkeln geschlagen ist, verdient in der Tat unser Beileid.
Doch nur wenige Minuten später ist das Mitleid aufgebraucht. Mit wenigen Strichen malt Eastwood einen schwarzen Schatten auf Kowalskis Faltengesicht. Der Veteran aus dem Korea-Krieg, der seine Waffen mindestens so oft putzt wie den Gran Torino in der Garage, ist ein unverbesserlicher Rassist. Ein Schritt zu weit auf sein Grundstück könnte für seine asiatischen Nachbarn den Tod bedeuten. Wenn er den Teenager Thao dennoch leben lässt, als er ihn beim versuchten Autodiebstahl stellt, ja ihn sogar noch vor dessen brutaler Gang rettet, so gewiss nicht aus Philanthropie. Kowalskis Schutzinstinkt ist eine Hinterlassenschaft aus dunklen Zeiten. Er kann mit dem Finger einen Pistolenlauf nachahmen und ein Gesicht dazu aufsetzen, das jeden in die Flucht schlägt.
Nahezu jeder Kritiker feierte "Gran Torino" deshalb als das sehnlich erwartete Comeback des Dirty Harry, aber genau das ist es nicht. Kowalskis Killerinstinkt ist frei von Sadismus. Er funktioniert vielmehr wie John Wayne im Western "The Searchers" funktionierte, dessen Beschützerinstinkt im Zweifelsfall größer war als sein irrationaler Ekel vor den Indianern.
Kowalski, ohne es zu wissen traumatisiert von seinen Heldentaten in Korea, fühlt sich umzingelt. Was weiß er denn, wer diese Hmongs sind, nämlich ein mit den USA einst verbündetes Bergvolk aus Laos. Für ihn sehen "Schlitzaugen" alle gleich aus. Und als sie ihn plötzlich für seine gute Tat bekochen, akzeptiert er nur sehr widerstrebend die lästige Friedensgabe.
Dann aber geschieht etwas ganz Erstaunliches. Thaos' etwa 17-jährige Schwester öffnet sein Herz, ohne dass ein herziger Film daraus wird. Damit sie sich ihres Bruders nicht zu schämen braucht, versucht er diesen zu einem chauvinistischen Amerikaner zu kolonialisieren. Dazu nimmt er ihn mit zu seinem fluchenden Barbier - noch so eine herrliche Szene und natürlich verlorene Liebesmüh. Abgesehen davon, dass Kowalksi plötzlich nicht mehr allein ist. Ohne es je zuzugeben. Als dann jedoch das Mädchen, das dieses Wunder bewirkt hat, von der früheren Gang des Bruders vergewaltigt wird, ist Kowalksi alles zuzutrauen.
Man kann weit ausholen, um diesen Film zu loben. Man kann erklären wie in ihm noch einmal der konservative Humanismus des großen John Ford für die Gegenwart aufersteht. Wie darin Muster des Western, Thriller und Familienfilm wie selbstverständlich zusammenwachsen. Man kann seine Einzigartigkeit aber auch ganz einfach erklären. Es gibt niemanden sonst, der ihn drehen und keinen Zweiten, der Kowalksi spielen könnte. Der ein solches Drama ohne ein Wimpernzucken über die Rampe brächte und sich dann noch mit einem perfekten, selbstgeschriebenen Abspann-Song zu Wort meldete.
Dieser Film, der mit einer Beerdigung anfängt und mit einer Beerdigung aufhört, soll auch Eastwoods Schauspielkarriere zu Grabe tragen, so ist es wohl. Welcher Star vor ihm wäre mit einem derartigen Paukenschlag abgetreten?
Gran Torino, USA 2008, mit Ahney Her, Bee Vang, Clint Eastwood, 116 Min.