Im Rezeptbuch der Krimiküche haben alte Damen einen festen Platz. Agatha Christie erfand Miss Marple mit vierzig und wurde mit ihr alt. Mit sechsundachtzig gönnte sie ihr einen letzten Auftritt, und beide alten Damen verschwanden fast zeitgleich von der Bildfläche mit dem Romantitel „Ruhe sanft“. An Nachahmerinnen besteht – insbesondere im Fernsehen – kein Mangel. Wer sich also eine Karte kauft für diesen koreanischen Thriller um eine alte Frau, die zur Hobbyermittlerin wird, um ihren Sohn vom Mordverdacht befreien, bestellt gewissermaßen Bewährtes à la carte.
Tatsächlich hält sich Regisseur Joon-ho Bong in „Mother“ zunächst sehr genau an das Rezeptbuch logischer Krimikultur. In liebevoll beobachteten Details verdeutlicht er das ungewöhnlich intensive Verhältnis der Mutter zu ihrem geistig leicht behinderten Sohn Do-jun. Allen Hänseleien trotzend schlafen sie im selben Bett. Mit ihrem Schutzinstinkt rettet sie das erwachsene Kind zu Beginn des Films vor einem vorbeirasenden Auto. Dass er sich vom Freund Jin-tae zu dummen Streichen anstiften lässt, verzeiht sie mit einem Stirnrunzeln, das schnell verfliegt.
Doch dann findet sich eines Morgens in der kleinen Stadt die Leiche einer jungen Frau. Jemand hat sie für alle Welt sichtbar auf einem Balkon drapiert. Um den Verdacht auf den vermeintlichen Dorfdeppen zu lenken, reicht ein Indiz von lächerlicher Aufdringlichkeit: ein am Tatort gefundener Golfball mit seinen Kritzeleien. Man muss keine Miss Marple sein, um das etwas durchsichtig zu finden. Doch die Polizisten scheinen den ersten Mordfall im Ort seit Menschengedenken schnell hinter sich bringen zu wollen. Schon die erste, vergleichsweise harmlose Foltermethode lässt den Verdächtigen ein Geständnis unterschreiben. Was noch fehlt, um die Hoffnungslosigkeit komplett zu machen, ist ein teurer, fauler Anwalt. Er ist schnell gefunden.
Akupunkturnadeln lassen einem die Haare zu Berge stehen
Aber kann dieser Film wirklich so geradlinig weitergehen, als die Mutter beginnt, auf eigene Faust zu recherchieren? An weiteren Verdächtigen kommt nur der Freund des Jungen in Frage. Und das wäre fast genauso offensichtlich wie ein am Tatort vergessener Golfball.
Die Erfolgsformel koreanischer Festivalerfolge ist eine andere. Wer etwa das Drama „Secret Sunshine“ von Lee Chang-dong kennt, erhält eine Ahnung: Koreanische Genrefilme ändern nach 45 Minuten sehr gerne ihre Richtung vollkommen. Während die Mutter also im Trüben fischt, verdunkelt sich das Bild zusehends, und gleichzeitig entwickelt das Drama erst seinen Sog. Plötzlich erinnert sich der Junge im Gefängnis an Verdrängtes aus seiner Kindheit: Die Mutter hatte den Versuch eines gemeinsamen Selbstmords unternommen. Und die Tatsache, dass sie ihr bescheidenes Auskommen mit Akupunkturnadeln bestreitet, führt den Film sachte in eine sehr dezent angedeutete Ebene des Übersinnlichen. Hat sie doch einen Akupunkturpunkt gefunden, der Menschen unangenehme Erinnerungen ausblenden lässt. Man muss ihn sich merken, wenn wieder die schlechten Filme kommen: Am rechten Oberschenkel, etwa fünfzehn Zentimeter vom Knie.
Schnell ist das Rezeptbuch vergessen. Dieser ungewöhnliche Thriller findet seine Vorbilder in einer Welt, die Miss Marple nie betreten würde – im Psycho-Thriller zwischen Hitchcock und Lynch. Die sinfonische Filmmusik des Debütanten Byeong-woo Lee hat sich Bernard Herrmann zum Vorbild genommen und stiftet elegante Unruhe.
Es gibt keine Gewaltszenen in diesem Film, und doch kann man eine Gänsehaut schon bekommen, wenn man sich vorstellt, welche Möglichkeiten in der Akupunktur-Kunst der alten Dame stecken. Vielleicht ist Filmregie ja auch so etwas wie Akupunktur. Die Wirkung der meisten Nadelstiche ist bekannt, doch die Möglichkeiten sind beileibe nicht ausgeschöpft. Mit dem recht vordergründigen Monsterfilm „The Host“, dem erfolgreichsten koreanischen Film der Geschichte, wurde Regisseur Joon-ho Bong auch bei uns bekannt. Doch erst jetzt scheint sein imponierendes Handwerkszeug komplett.
Mother. Korea 2009. Regie: Joon-ho Bong. Mit Kang-ho Song, Hie-bong Byeon, Hae-il Park. 119 Min.