Etwas merkwürdig ist es schon, in dieser Woche gleich noch einmal aus einer Vogelperspektive auf Duisburg zu blicken – zu Beginn eines Films, den der junge Filmemacher Dietrich Brüggemann dort im vergangenen Jahr gedreht hat. Aber es ist auch ein tröstlicher Anblick, denn „Renn wenn du kannst“ ist ein überaus charmanter und auch ungewöhnlicher Film.
Aus einer oberen Wohnung einer Mietskaserne flattern die Seiten einer Magisterarbeit. Der querschnittsgelähmten Ben hat sie ohne großen Ehrgeiz geschrieben. Doch es ist nicht seine Behinderung, die Bens Felle schwimmen lässt, sondern das unleidige Auftreten des jungen Misanthropen selbst. Schon wieder hat er einen Zivi vergrault. Gerade ist ein neuer auf dem Weg zu ihm. Als der von einer jungen Cellistin mit dem Fahrrad angefahren wird, ist das für beide der Beginn einer Romanze. Aber niemand ahnt, dass auch Ben schon lange ein Auge auf die unbekannte Schöne geworfen hat.
Das Kino liebt romantische Dreiecksgeschichten, doch das vorzügliche Drehbuch, das Dietrich Brüggemann zusammen mit seiner Schwester und Hauptdarstellerin Anna schrieb, hat weit mehr im Sinn. Im Mittelpunkt steht nämlich das überaus glaubwürdige Charakterbild eines verhärmten jungen Mannes, der durch sein Leiden auch das Liebenswerte in ihm fast verjagt hat. Der Nachwuchsschauspieler Robert Gwisdek arbeitet in der Rolle alle Nuancen dieser nur scheinbar widersprüchlichen Figur heraus. Es ist eines Deutschen Filmpreises würdig.
„Renn, wenn du kannst“ ist ein hochromantischer Film. Schon lange hat man keinen so unbefangenen Film über die Freiheit gesehen und das Glück, Grenzen einfach umzurennen.
Renn, wenn du kannst, Regie: Dietrich Brüggemann, D 2010, 116 Minuten.