"Man muss jeden Film so machen, als sei es der letzte“, lautet ein Satz von Ingmar Bergman, den sein jüngerer Kollege François Truffaut sehr gern im Munde führte. Besonders gilt das natürlich für Erstlingsfilme, denn sie sind ganz besonders von der Gefahr bedroht, die letzten zu sein. Wie oft beenden Misserfolge oder – weit häufiger noch – die langsamen Mühlen des Förderbetriebs Karrieren, bevor sie noch richtig begonnen haben?
Der 22-jährige franko-kanadische Filmemacher und Schauspieler Xavier Dolan drehte mit neunzehn seinen ersten Film, „I Killed My Mother“ als wäre es der letzte. Wie ein gut platzierter Pfeil traf diese autobiographisch gefärbte Geschichte vom Mutterhass eines Siebzehnjährigen 2009 die innovationshungrige und Jugend-verliebte Filmgemeinde von Cannes. Ungestüm und brutal in seinen Dialogen, dabei hochstilisiert in Kameraarbeit, Montage und Design, wurde das Debüt vielfach sogar als Auftritt eines Wunderkinds gefeiert.
Die unverstellte Erotik jugendlicher Natürlichkeit und einer klassischen Schönheit
Wunderkinder – man findet sie nicht oft in Zeiten verschult-akademischer Filmausbildung, und auch früher waren sie nicht gerade alltäglich. Bertolucci debütierte mit 22, Truffaut trat mit 25 in die Fußstapfen seines Idols Jean Vigo, des französischen Filmavantgardisten, der seine kurze Karriere im selben Alter begonnen hatte und bereits mit 29 Jahren gestorben war. Später animierte das 8-mm-Format die erstaunlichen Frühwerke von Steven Spielberg, Werner Schroeter oder Christoph Schlingensief.
Aber Xavier Dolan übersprang alle Film-AGs und Jugendfilmclub (tatsächlich brach er die Schule ab) und reüssierte gleich in Farbe und Breitwand. Es gibt nichts Amateurhaftes, kein wackelndes Video. Jedes Bild möchte großes Kino sein – und begnügt sich nicht wie die meisten Erstlingsfilme damit, das Leben nachzuahmen. Es war nicht alles Gold, was in „I Killed My Mother“ glänzte. Vieles ist, genau besehen, Abglanz – von John Cassavetes, dessen performative Personenregie den 19-Jährigen ebenso beeinflusste wie Wong Kar-wais irreale Farbigkeit und die intimen Porträts in den Jugenddramen Gus van Sants. Aber da ist auch etwas, das man nirgendwo sonst sieht, schon allein deshalb nicht, weil 19-Jährige eben sonst keine Filme machen dürfen: Ein Abgleichen der eigenen Identitätsfindung mit den wechselnden Idealen einer Welt, die man nur in diesem Alter sehen und erleben kann. Und die Fähigkeit, deren ästhetische Vorlieben zu hinterfragen.
Noch deutlicher wird dieser Anspruch in Dolans zweitem Film, „Herzensbrecher“, den er mit zwanzig drehte, und der jetzt ins Kino kommt. Geradezu panisch hat er ihn geschrieben, gedreht und sogar selbst geschnitten, als die Dreharbeiten seines Folgefilms um ein Jahr verschoben wurden.
Die Geschichte erinnert wie es der Zufall will an Tom Tykwers zur selben Zeit entstandenes Beziehungsstück „Drei“: Das Leben eines Paars (der Regisseur selbst und Monia Chokri) gerät ins Wanken, als sich beide in denselben jungen Mann verlieben (Niels Schneider). Doch anders als bei Tykwer ist die Anziehung nicht intellektuelles Charisma, sondern die unverstellte Erotik jugendlicher Natürlichkeit und einer klassischen Schönheit, wie sie so unterschiedliche Regisseure wie Jean Cocteau und Paul Morrissey heroisierten.
Für das Paar wird der junge Mann zur Projektionsfläche unterschiedlicher Idealvorstellungen „imaginärer Liebschaften“: Tatsächlich trifft der französische Originaltitel „Les amours imaginaires“ das Sujet des Films ungleich besser. Ein „Herzensbrecher“ ist der junge Mann höchstens durch seine Verweigerung, in den erotischen Ausbruchsutopien seiner Bekannten tragende Rollen zu spielen.
Die zentrale Szene des Films kommt ohne Worte aus, spielt in einer Diskothek und zeigt die genialische Unbekümmertheit des Regisseurs: Im Stakkatorhythmus des Flackerlichts entfacht er ein ekstatisches Kinospiel aus Licht und Dunkel und orchestriert die Schönheit seines Protagonisten mit eingeschnittenen Kunstwerken von Cocteau und Michelangelo. Die erotischen Projektionen der Figuren werden eins mit der Projektionsmaschine Kino, was überhaupt nichts Neues ist, aber immer wieder neu erfunden werden muss.
Hier ist ein Zwanzigjähriger, der entwaffnend offen ist, aber auch hohen Formwillen hat
Denn auch das Sujet von „Herzensbrecher“ ist ja ein ureigenes Kinothema und wurde schon tausendfach behandelt – aber eben nicht so oft von zwanzigjährigen Regisseuren: Es ist die oft vergebliche Sehnsucht der Liebe, in der äußeren Schönheit einen Ausdruck der inneren zu finden. In zwei Lebensphasen leidet man unter diesem Konflikt besonders: in der Jugend und im Alter. Spätwerke großer Regisseure darüber sind Legion, leider gelingen sie nur selten.
Doch hier ist ein Zwanzigjähriger, der einmal alle Facetten erotischer Selbstverortung offen legt, und das trotz der Strenge seines Formwillens – und in entwaffnender Offenheit. Auch über Dolan kann man sagen, was Truffaut über Vigo schrieb: „Anscheinend arbeitet er ständig im Trancezustand, ohne dabei seinen klaren Kopf zu verlieren.“
Dolans Debüt „I Killed My Mother“ ist auf DVD erschienen bei Good Movies.
Herzensbrecher, Regie: Xavier Dolan, Kanada 2010, 97 Minuten.