Einen einfachen kleinen Film wie früher hatte Tom Tykwer machen wollen nach all der Kraftanstrengung mit den internationalen Koproduktionen „Das Parfüm“ und „The International“. Dabei kann gerade das Einfache herrlich kompliziert geraten in den Arbeiten des gebürtigen Wuppertalers. Hoffen wir also auf „Drei“, den einzigen deutschen Beitrag im Wettbewerb beim Filmfestival von Venedig, das heute beginnt.
Der Titel jedenfalls prahlt mit der komplexen Einfachheit eines Krzysztof Kieslowski, dessen Drehbuch „Heaven“ Tykwer vor acht Jahren verfilmte. Devid Striesow, Sophie Rois und Sebastian Schipper markieren das aparte Dreieck im Liebesdrama um ein Ehepaar, das sich unabhängig voneinander in denselben Mann verliebt.
Drei sind aller guten Dinge – auch der großen Festivals. Als in Cannes in diesem Jahr die amerikanischen Stars und Filme fehlten, glaubte mancher, die Konkurrenz in Venedig dürfe sich die Finger lecken: Der Finanzkrise gab man die Schuld, dass vieles nicht rechtzeitig fertig geworden war, nun schien die Auswahl groß für das September-Festival. Tatsächlich laufen fast unverschämt viele US-Produktionen im Wettbewerb, ganze sechs sind es.
Und noch dazu gibt es mit Quentin Tarantino einen US-amerikanischen Jurypräsidenten, einen Stammgast am Lido, den man wohl wieder mit der Retrospektive über Italiens Genrekino gelockt hat: Sie ist in diesem Jahr den Komikern gewidmet. Auf ein Gipfeltreffen mit Terence Hill, Bud Spencer und ihrem amerikanischen Freund freut man sich schon jetzt.
Auch Tarantinos Kumpel Robert Rodriguez kommt an den Lido und bringt Robert de Niro, Jessica Alba und Don Johnson mit, die zusammen gefunden haben für den Politthriller „Machete“, der außer Konkurrenz gezeigt wird. So wird dann doch der rote Teppich voll. Dustin Hoffman hat sich ebenfalls angekündigt, allerdings mit der italienisch-kanadischen Produktion „Barney’s Vision“. Bei genauem Hinsehen gibt es also viel Amerika, aber kaum Hollywood am Lido, und das ist durchaus ein gutes Zeichen: Festivaldirektor Marco Müller widerstand der Versuchung, kommerzielle Ware allein wegen ihrer Stars zu buchen.
Den Anfang macht Darren Aronofsky, der das Festival vor zwei Jahren mit „The Wrestler“ gewonnen hatte. Aus den schmierigen Arenen der Schaukämpfe führte ihn sein Weg nun zu den zarten Schweißperlen der New Yorker Ballet Company. Hat die amerikanische Kulturindustrie größere Gegensätze zu bieten? Natalie Portman schmückt das Filmplakat, geheimnisvoll geschminkt wie eine der lebenden Skulpturen des Künstlers Matthew Barney. Auf dem Weg zum Ruhm hat sie den bösen „schwarzen Schwan“ in sich entdeckt, der sie nun zu verzehren droht.
Weitere kunstsinnige Amerikaner im Wettbewerb sind Sofia Coppola mit „Somewhere“, die hoch sensible Autorenfilmerin Kelly Reichardt, die mit „Meek’s Cutoff“ das Westerngenre wiederbeleben will, und der filmende Maler Julian Schnabel mit seinem Nahost-Drama „Miral“.
Überhaupt setzt Marco Müller mehr denn je auf die Nachbarschaft zur bildenden Kunst, immerhin läuft sein Festival unter der Organisation der Biennale. Nachdem sich im vergangen Jahr die Künstlerin Shirin Neshat sehr erfolgreich auf der großen Leinwand behauptete, stehen nun Arbeiten von Douglas Gordon, Isaac Julien, Doug Aitken, Martin Arnold und Peter Tscherkassky auf dem Programm der Nebensektion „Orizzonti“.
Der Österreicher Tscherkassky hat in seinen Avantgardefilmen übrigens den günstigsten Weg zu großen Stars gefunden. In seiner Dunkelkammer kopiert er Filmschnipsel, in dem er sie mit einem Leuchtstift Bild für Bild auf Rohfilm durchpaust. So spielte bei ihm schon einmal Sigourney Weaver die Hauptrolle, ohne dass sie davon wusste. Jede Wette, dass seine neue Arbeit „Coming Attractions“ noch mehr Stars auf den Lido bringt.