Nicht nur aus westlicher Sicht stellt er eine Bedrohung dar: der in Bosnien in Folge des Krieges an Einfluss gewinnende islamistische Fundamentalismus wahhabitischer Prägung. Die langbärtigen Männer und ihre total verschleierten Frauen waren mit ihren rigiden Verhaltens- und Moralvorstellungen gerade auch für die traditionell eher liberal gesinnten bosnischen Moslems ein bislang unbekanntes Phänomen. Entsprechend fassungslos reagierte vor einigen Jahren die Bosnierin Jasmila Žbanić auf den Mann, der ihr bei einer privaten Feier in Sarajevo nicht die Hand reichen wollte, weil sie eine Frau ist. So empört war die Goldene-Bären-Gewinnerin von 2006 (Grbavica – „Esmas Geheimnis“) über diesen Affront, dass sie nun einen sehenswerten Film zum Thema gemacht hat: „Zwischen uns das Paradies“.
Die schöne Stewardess Luna und der Fluglotse Amar sind ein Liebespaar, das seine Körperlichkeit sichtlich genießt. Das großstädtische Leben in Sarajevo scheint beiden zu gefallen, Amar allerdings trinkt gern und verliert deshalb seine Arbeitsstelle. Vom Frust getrieben trifft er zufällig auf einen alten Kriegskameraden, der ihm zu einem Computerjob in einem abgelegenen und abgeschirmten wahhabitischen Sommercamp verhilft. Prompt entdeckt Amar einfache Antworten auf die Probleme des Daseins für sich. So deutet er die seinen ungenügenden Spermien geschuldete ungewollte Kinderlosigkeit plötzlich als Strafe Gottes für den sündigen unehelichen Sex um und entwickelt sich auch ansonsten zu einem moralinsauren Alleswisser – um den die „ungläubige“, aufgeklärte Luna dennoch kämpft.
Nicht alles ist fein austariert in dem an Originalschauplätzen entstandenen Schauspielerfilm, die Wandlung Amars geschieht ein wenig unvermittelt. Doch erzählt Jasmila Žbanić eine glaubhafte Geschichte. Viele Männer, so scheint es, reagieren auf traumatische Erlebnisse wie den Krieg und der daraus folgenden Verunsicherung mit Chauvinismus.
Zwischen uns das Paradies, Regie: Jasmila Žbanić, Bosnien-Herzegowina/D. 2009, 103 Minuten.