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Filmfestival Cannes: Die Geister, die man ruft

Mit großen Filmen erholt sich Cannes von seiner Durststrecke: Etwa mit "Onkel Boonmee, der sich an seine früheren Leben erinnern kann" von Apichat Weerasethakul aus Thailand. Von Daniel Kothenschulte

Der Dschungel ist voller  friedlicher Gestalten.
Der Dschungel ist voller friedlicher Gestalten.
Foto: illumination films

"Onkel Boonmee, der sich an seine früheren Leben erinnern kann", heißt der neue Film des Thailänders Apichatpong Weerasethakul. Solche Fähigkeiten sind selten, aber in Cannes kann sich jeder ohne Mühe zumindest an ein besseres Festival erinnern. Doch das Niveau des letzten Jahres ist schon erreicht, und drei oder vier wirklich großartige Filme sind besser als zwanzig bloß annehmbare.

Weerasethakul nennt auch in seinem neusten Werk das Münchner Haus der Kunst als Koproduzenten. Dort war im vergangenen Jahr seine Ausstellung "Primitive" zu sehen. Selten sind öffentliche Gelder mit größerem Gewinn investiert worden. Auch sein Gewinnerfilm der Oberhausener Kurzfilmtage 2009 stammt aus diesem Projekt, das ihn in den thailändischen Nordosten führte. Der Glaube an die Seelenwanderung zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen und Geistern ist hier verbreitet. Apichatpong vermittelt diese animistische Perspektive so selbstverständlich, dass man seine märchenhaften Erzählungen auch schon auf Dokumentarfilmfestivals gezeigt hat.

"Onkel Boonmee, der sich an seine früheren Leben erinnern kann" von Apichat Weerasethakul, Thailand 2010. Trailer

Der schwerkranke Onkel Boonmee hat sich entschlossen, seine letzten Tage in einem Farmhaus am Rand eines von Geistern bewohnten Waldes zu verbringen, um seinen verstorbenen Verwandten nahe zu sein. Sie lassen nicht lange auf sich warten. Liebevoll umsorgt von seiner verstorbenen Frau, begegnet er auch seinem Sohn wieder, den beide allerdings lediglich an seiner Stimme wiedererkennen: Seine gegenwärtige Gestalt ist die eines zotteligen Waldgeistes mit rot leuchtenden Augen. Nichts Erschreckendes steckt in ihrem Glühen, und wenn sich die schwarze Dschungelnacht mit immer mehr flackernden Augenpaare füllt, gleicht das Bild einer friedlichen Lichterprozession.

Seit Weerasethakul mit seinem verschlungenen Dschungelstück "Tropical Malady" 2004 in Cannes den Jurypreis erhielt, gibt es keinen Regisseur, der sich einer ähnlich eigenständigen Filmsprache rühmen könnte. Mit sanfter Stimme führen seine Geister in immer neue Ebenen ihrer früheren Existenz und suchen nach den Gründen ihrer eigenen Ruhelosigkeit. Onkel Boonmee hat ein schlechtes Gewissen wegen der vielen Kommunisten, die er im Krieg erschoss. "Dazu wurdest du ja gezwungen", beruhigt ihn seine tote Frau. Die Käfer auf dem Fußboden allerdings solle man nicht so leichtfertig zertreten.

Die Begegnung mit dem Tod bestimmte mehrere Filme dieses Festivals. Rauschhaft und betörend gestaltete Alejandro González Iñárritu einen quälenden Abschied vom Leben in "Biutiful", mit minimalistischer Zurückhaltung tat es der 101-jährige Portugiese Manoel de Oliveira in seiner romantischen Phantasie "O Estranho caso de Angélica".

"Biutiful" von Alejandro González Iñárritu.

Ungnädig endete 1989 das Leben des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu. Der Filmemacher Andrei Ujica hat die Archive nach den Spuren seines öffentlichen Lebens durchforstet, und trotz seines Titels ist "The Autobiography of Nicolae Ceausescu" alles andere als ein Filmporträt. Der Regisseur interessiert sich für die Außenwahrnehmung, für die offizielle Bildproduktion.

"The Autobiography of Nicolae Ceausescu" von Andrei Ujica. Rumänien 2010.

Drei Stunden lang erlebt man endlose Paraden, Sportfeste, Grundsteinlegungen, und dabei eröffnet sich ein verborgener Bedeutungsüberschuss. Schon in den siebziger Jahren mischt sich Unwillen in die Gesichter der Claqueure. Bei einer für die Kamera inszenierten Leistungsschau des Bäckereihandwerks fingert ein sichtlich verhasster Staatspräsident in Brotleibern. Der lange Atem dieses gänzlich unkommentierten Films erweist sich als Gegengift gegen die dokumentarische Materialausschlachtung im Geschichtsfernsehen à la Spiegel-TV.

Größere Freiheit gilt für die Fiktionalisierung der jüngeren Geschichte. Zwei Wettbewerbsfilme galten dem jüngsten Irakkrieg. Ken Loach widmet sich in seinem Drama "Route Irish" der Arbeit privater Söldnerfirmen. Der Anfang ist furios: Vor der Trauerfeier eines getöteten Söldners macht sich sein überlebender Freund mit einem Brecheisen am versiegelten Sarg zu schaffen. Die Wut des Trauernden erweist sich als berechtigt: Der Tote war ein Mann, der zuviel wusste.

"Route Irish" von Ken Loach. Trailer.

Loach erlaubt sich allerdings verwegenere Spekulationen, als in der Nähe zu historischen Ereignissen ratsam ist. Am Ende ist es eher eine Räuberpistole als ein ernsthaftes Politdrama.

Ein solches hingegen hat Doug Liman geschaffen, sonst fleißiger Regisseur rasanter Actionfilme. Naomi Watts und Sean Penn brillieren in "Fair Game", einer klugen, bewegenden Aufarbeitung der Geschichte des Diplomaten Joe Wilson und seiner Ehefrau, der CIA-Agentin Valerie Plame. Nachdem Wilson die vorgeschobenen Gründe für den Irak-Krieg öffentlich in Zweifel zieht, rächt sich Washington mit Valeries Enttarnung, was ihre Informanten in akute Lebensgefahr bringt. Nicht zuletzt dank des Drehbuchs von Jez und John-Henry Butterworth gelingt hier eine mitreißende Vermittlung politischer Korruption für ein Millionenpublikum.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  21 | 5 | 2010
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