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Film

21. März 2013

Doku über Tierversuche: Schuld und Sehnsucht nach Erlösung

 Von Jan Brachmann
Nach Tierversuchen traumatisierter Schimpanse.  Foto: missing Films

Der Dokumentarfilm „Unter Menschen“ erzählt das erschütternde Schicksal von Schimpansen nach jahrzehntelangen Laborversuchen. Aber man sieht auch die Sehnsucht der Menschen, sich durch die Produktion guter Gefühle freizukaufen von Schuld.

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Zu den Vorurteilen über das Christentum gehört die Behauptung, die Bibel rechtfertige die Grausamkeit gegen Tiere durch den Herrschaftsanspruch des Menschen über die Erde. Das ist falsch. Vielmehr rückt die Bibel Mensch und Tier nah zueinander: „Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh“, steht im Alten Testament. Und im Neuen, dass „alle Kreatur sich ängstet und mit uns nach Erlösung sehnt“. Aus der Nähe von Mensch und Tier bezieht ein ungewöhnlicher Film seinen Titel. Er heißt „Unter Menschen“ und handelt von Schimpansen. Dieser Dokumentarfilm fängt die Angst der Kreatur und ihre Erlösungssehnsucht mit Bildern ein, die man so schnell nicht vergisst.

Die Schimpansen, um die es hier geht, dienten knapp zwei Jahrzehnte in Laboren des österreichischen Pharmakonzerns Immuno zu Tierversuchen. Teilweise wurden sie unter Umgehung des Artenschutzabkommens aus Sierra Leone eingeführt. Was noch schlimmer ist: Man hielt diese Affen in Käfigen von neunzig mal neunzig Zentimetern Grundfläche in Einzelhaft.

Schimpansen sind gesellige Tiere von hoher sozialer Kompetenz. Sie wollen ihre Artgenossen sehen, riechen, anfassen, mit ihnen schimpfen, lachen und schmusen. Allein zu sein, ist für sie furchtbar. Eine der erschütterndsten Szenen dieses Films von Christian Rost und Claus Strigel hält fest, wie sich zwei Weibchen nach langer Resozialisierungszeit leibhaftig begegnen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten stehen sie einem andern Wesen gegenüber. Ein leises Wimmern entfährt ihnen, sie gehen langsam aufeinander zu und nehmen sich in die Arme, um sich minutenlang nicht mehr loszulassen. Die Pflegerin Renate Foidl, die seit 22 Jahren mit den Affen lebt, muss immer wieder mit den Tränen kämpfen, so oft sie sich diese Bilder auf ihrem Laptop ansieht.

Unvorhersehbare Verhaltensstörungen

Nach Einstellung der Tierversuche und der Übernahme der Immuno AG durch den Baxter-Konzern wurden die Affen in den Hochsicherheitstrakt eines Safari-Parks gebracht. Vier Pflegerinnen gingen mit, weil sie sich schuldig fühlten und einsahen, dass sie den Tieren nur helfen konnten, wenn sie im Angesicht dieser kreatürlichen Angst und Sehnsucht weiterarbeiten. Körperkontakt mit den teilweise infizierten Tieren ist verboten. Hinzu kommen Verhaltensstörungen, die sich in unvorhersehbaren Aggressionen entladen können. Die Atmosphäre in den Häusern ähnelt zuweilen der eines Heims für geistig Behinderte. Die am stärksten traumatisierten Affen haben einen Hospitalismus entwickelt, wippen mit dem Oberkörper, kreischen blitzartig oder spucken mechanisch gegen das Panzerglas ihrer Zelle.

Der Film versucht vorsichtig die politischen Hintergründe des Affenhandels für medizinische Zwecke aufzuarbeiten, bleibt aber in Andeutungen stecken. Seine Dynamik erwächst aus den Vorbereitungen für ein Freigehege, das der neue Träger des Parks, das Gut Aiderbichl unter der Führung von Michael Aufhauser, anlegen lässt. Man sieht am Ende die Affen scheu an der Schwelle stehen, bevor sie zum ersten Mal in die freie Luft gehen und den Himmel sehen. Aber man sieht auch – in der von den Filmemachern kommentarlos eingefangenen medialen Vermarktung dieses Events – die Sehnsucht der Menschen, sich durch die Produktion guter Gefühle freizukaufen von Schuld.

Dass diese Schuld dabei auch kollektiviert wird, um sich eine juristische Aufarbeitung zu sparen, wäre dann Thema eines anderen Films.

Unter Menschen Dtl./Österr. 2013 Regie: Christian Rost, Claus Strigel, Kamera: Waldemar Hauschild, 92 Min., Farbe.

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