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02. Oktober 2013

Edgar Reitz "Die andere Heimat": "Es gibt keine Schönheit ohne Geschichte"

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Filmregisseur Edgar Reitz (links) präsentiert in Simmern (Rheinland-Pfalz) bei der Deutschlandpremiere seinen neuen Film "Die andere Heimat".  Foto: dpa

Filmregisseur Edgar Reitz erweitert mit "Die neue Heimat" seine berühmte "Heimat"-Filmtrilogie aus den 80er Jahren. Mit der Frankfurter Rundschau spricht er über Bilder ohne Ränder, den Abschied vom Zelluloid und die Bedeutung der richtigen Unterwäsche für die Schauspielerführung.

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Man erlebt nicht oft, dass ein großer Regisseur sein Schaffen im Alter noch einmal mit einem Meisterwerk krönt, aber das lässt sich sagen von Edgar Reitz und seinem neuen Film „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“. In grandiosen Breitwandbildern meistert er eine überbordende Erzählfülle und versteckt immer neue Geschichten im Bauerndörfchen Schabbach in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Vergangenes und Zukünftiges mischen sich am Vorabend der Moderne. Mit dem jungen Jan Dieter Schneider fand Reitz für die Hauptrolle des Jakob Simon ein Naturtalent von intuitiver Glaubwürdigkeit.

Herr Reitz, Ihr Film trägt das schöne Wort „Sehnsucht“ in seinem Titel, das wie ich finde, viel mit dem Kino zu tun hat: Filme erwecken Sehnsüchte, sie handeln von ihnen oder entspringen der Sehnsucht eines Regisseurs, überhaupt einen Film zu machen. Was denken Sie dabei?

Ich hatte bei der Premiere in Venedig die allergrößten Schwierigkeiten, es zu übersetzen. Es gibt kein englisches Wort dafür. Und dann fängt man dauernd an, das zu umschreiben. Und dabei bin ich auch so glücklich, dass es dieses deutsche Wort gibt. Wie das deutsche Wort „Heimat“, das ja auch nicht übersetzbar ist. Das hat miteinander zu tun. Ein drittes ist „Fernweh“, das auch in meinen Geschichten eine Rolle spielt. Mich würde es enttäuschen, wenn es nur etwas Deutsches wäre. Was damit gemeint ist, muss es ja auch in den Herzen eines Italieners oder Franzosen geben. Durch Definition aber kommen wir dem nicht näher. Aber durch Geschichtenerzählen. Das scheint mir das einzige Mittel zu sein, um die Empfindung, die darin enthalten ist, zu vermitteln.

Ihre Geschichten sind nicht zu trennen von Ihrer Bildsprache, die auch durch ihre Schönheit berührt. Nun macht man es der Schönheit im Kino oft schwer, insbesondere bei realistischen Themen. Oft gerät das Schöne da unter Kitschverdacht, was es wiederum mit dem Heimatgefühl gemeinsam hat.

Zur Person

Edgar Reitz, geboren 1932 in Morbach, Hunsrück, Autor und Regisseur, ist in den 80ern berühmt geworden mit „Heimat. Eine Chronik in Bildern“. „Die andere Heimat“ läuft jetzt in den Kinos.

Wenn wir von Schönheit sprechen, dann hat das alles zu tun mit der Prägung unserer Sinne. In allem, was wir als schön empfinden, steckt eine Vorgeschichte. Es gibt keine von Geschichte unabhängige Schönheit. Und diesen Geschichten möchte ich auf die Spur kommen. Aber da wo wir Schönheit als übertrieben oder kitschig empfinden, also da, wo sie die Grundlagen verlässt, wo Erfahrung und Wirklichkeit nicht mehr enthalten sind, da wo sie sich ins Illusionäre verwandelt, gehen auch gleich die Geschichten aus. Wenn ich ein Bild, das ich als kitschig ansehe, versuche zu beschreiben, ist sofort der Stoff weg. Da ist eigentlich nichts drin. Das Schöne als Mogelpackung sozusagen. Hier war das ganz anders. Wir haben uns beim Machen dieses Films Tag und Nacht Geschichten erzählt. Zu allem, was man gefilmt hat, gab es die Atmosphäre des endlosen Erzählens. Und da das Gefühl der Fülle so groß war, war man dann auch so hemmungslos im Umgang mit der Schönheit.

Dieser Erzählfülle geben Sie diesmal allerdings die für Ihr Werk doch ungewöhnlich geschlossene Form eines Einzelfilms. Nur die Mutter lassen sie gleich viermal beinahe sterben, was mich an die „Don Camillo“-Filme erinnert hat.

Das freut mich so, dass Sie das Komische da drin auch entdecken! Es gibt doch diesen alten Spruch: Die Komödie ist das Tragische, das man überlebt.

In einigen Einstellungen sind einzelne Gegenstände farbig, was an die Handkolorierung von Stummfilmen erinnert. Ist das Ihr erster digitaler Film?

Ja, wobei das ja vorher gar nicht möglich war. Die Technologie entwickelt sich gerade erst unter unseren Händen. Als wir den Vertrag unterschrieben, sollten wir noch ein Filmnegativ mit hundert Kopien liefern. Nun brauchen die keine einzige mehr, da es fast nur noch digitale Kinos gibt.

Trauern Sie dem Zelluloid nicht nach?

Ich habe keinen Grund, eine Nostalgie zu entwickeln. Es gibt jetzt einen neuen Gestaltungsschnitt, das ist die Postproduktion. Aus der Kamera kommen keine Bilder mehr, sondern Daten. Das sind noch gar keine Bilder. Erst in der Postproduktion werden Bilder daraus, und da sitze ich dann mit dem Kameramann, und wir sind entlastet von dem Druck unseres Teams. Denn ein Drehtag ist ein sehr ungeeigneter Tag, um bildästhetische Fragen zu treffen. Jetzt, im dunklen Studio, habe ich drei Wochen Zeit für ein einziges Bild. Das hat mich regelrecht erlöst.

Das klingt sehr künstlich, aber den Ort Schabbach, auch wenn es uns inzwischen so vorkommt, gibt es ja in der Wirklichkeit auch nicht.

Ich habe gedacht, wir gehen auf Motivsuche und finden irgendwo das 19. Jahrhundert. Aber wir haben es nicht gefunden, denn die armen Leute hatten keinen Grund, uns ihre Elendshütten zu hinterlassen. Wenn ein Film in Schlössern und Palästen spielt, findet man das natürlich. Wir mussten das Dorf – in Gehlweiler im Hunsrück – komplett bauen, alles, was man sieht, ist Filmbau. Die Gefahr ist: Das missrät ganz oft zu einem Freilichtmuseum.

Wie im Märchenfilm.

Ja, man denkt, deutscher Fernsehfilm, historischer Stoff, und links und rechts, wo das Bild endet, endet auch die Welt. Und es gibt kein Gefühl der Kontinuität in Raum und Zeit. Aber was es noch gibt aus dem 19. Jahrhundert ist der Verlauf von Straßen und Wegen. Also haben wir unser fiktives Dorf auf den Grenzen eines historischen Dorfs errichtet und diese historische Seite der Grundstücksverläufe übernommen. So entstanden wieder eigene Geschichten. Dann stellte sich die Frage: Gibt es überhaupt eine Bildgrenze? Bedeutet es, dass das Bild von den Rändern seine Spannung bezieht oder dass wir uns im Innern der Geschichte befinden und die Bilder gar keine Grenzen haben. So entschieden wir uns für das breite Scope-Format, wo das Bild breiter ist als der Blick. Und dann fingen wir an, Geschichten zu erzählen, die über die Baugrenzen hinausgehen.

Sie meinen, die Geschichten der Häuser, die Sie gar nicht mehr gebaut haben.

Ja, wir haben in diese virtuellen Häuser weitere Familien hinein gedacht, und aus denen kommen die Komparsen, die dann im Film auftreten. Die haben alle Namen und ein Zuhause. Zwar außerhalb der Bildgrenzen, aber es existiert. Und das erzeugt die Weite und das Gefühl, dass das Dorf noch größer ist.

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Und dann wären da noch die Geschichten, die in den Gegenständen stecken.

Ich habe mit jedem Schauspieler über alles gesprochen, was er am Leibe trägt. Sie wissen doch auch, wo Sie Ihre Schuhe her haben. Und ein Schauspieler sollte das auch wissen. Normalerweise sagt er, die hat mir die Kostümabteilung angezogen. Aber ich will wissen, wann er die Schuhe gekauft hat, wie oft sie bei der Reparatur waren und was er mit ihnen erlebt hat. Das geht bis zur Leibwäsche. Keiner meiner Darsteller trägt unter dem Kostüm private Unterwäsche. Auch die Unterwäsche ist Kostüm, hat eine Story, das spürt er auf der Haut.

Wir sprechen jetzt von kratzenden Wollunterhosen.

Ja natürlich. Und wenn ich mit dem zwei Stunden über seine Unterhose gesprochen habe, vergisst er das wieder. Aber wenn er schwitzt oder wenn es kratzt, entsteht ein Gefühl und ein Eigenleben der Dinge. Dann sind wir mitten im Film. Dann haben die Bilder keine Ränder.

Wie wichtig war es, dieses Filmdorf im Hunsrück zu errichten?

Es war immer wieder eine Inspirationsquelle, mit den Leuten über diese Zeit zu sprechen. Denn die Zeit der großen Auswanderungsbewegung ist viel tiefer in den Köpfen der Bevölkerung noch vorhanden, als wir geahnt haben. Es gab Briefe ausgewanderter Verwandter aus dem 19. Jahrhundert, die wir auf den Dachböden wiedergefunden haben. Oder das Leinen: Diese Menschen haben alles selbst gemacht, auch ihre Kleidung. Sie haben Flachs angebaut, genäht, gewebt, und das handgewebte Leinen war der einzige Reichtum. In vielen Häusern fanden wir handgewebte Leinenballen aus dem 19. Jahrhundert, die wie am ersten Tag erhalten sind. Unglaublich, was an menschlicher Arbeit darin steckt, Faden für Faden. Wir habe alle Kostüme des Films aus solchen Leinenbeständen genäht. Alles von Hand.

Sind Sie eigentlich sentimental? Wenn etwas verloren geht, schmerzt Sie das?

Dinge, mit denen ich mal glücklich war, fehlen mir, wenn sie verschwinden. Wir hatten einen wunderbaren Biergarten in München, in der Gegend wo ich lebe, und eines Tages hat die Brauerei Eigentumswohnungen draus gemacht und dann war das ganze Viertel ohne Mitte.

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