kalaydo.de Anzeigen

Europäischer Filmpreis Bochum: Jenseits von Hollywood

Beim Europäischen Filmpreis in Bochum präsentiert sich die große Nation Europa merkwürdig abgeschottet. Der große Brite Ken Loach forderte gar eine Einfuhrbeschränkung für amerikanische Filme. Von Daniel Kothenschulte

Will eine Einfuhrbeschränkung für Hollywood-Filme: Ken Loach.
Will eine Einfuhrbeschränkung für Hollywood-Filme: Ken Loach.
Foto: ddp

Michael Haneke gehört zu den Menschen, die auch spontane Gefühlsregungen gerne durch Erklärungen einleiten. "In Österreich sagen wir: Da bin I baff", äußerte er in Bochum seine Verwunderung angesichts des zweiten von insgesamt drei Europäischen Filmpreisen für sein Bauerndrama "Das weiße Band".

Doch ebenso wie die darin gehandelten, giftigen Früchte einer streng autoritären Erziehung auch jenseits des deutschen Protestantismus des frühen 20. Jahrhunderts verständlich sind, weiß man auch im Kohlenpott, was das Wort "baff" bedeutet. "Letztes Mal hat man sich bei mir beklagt, dass ich mich nicht richtig gefreut hätte", wird Haneke schließlich auf seinen früheren Erfolg mit "Caché" anspielen, als man ihm den Hauptpreis für den "besten europäischen Film 2009" in die Hand drückt. Doch auch wenn er dies nicht recht auszudrücken vermöge, freue er sich doch sehr.

Es ist wohl niemand zu beneiden, der für einen Michael Haneke gerade noch das passende Weihnachtsgeschenk besorgen muss. Aber Filmpreise sind ja keine Geschenke, ganz im Gegenteil. Aus ihnen spricht der Dank der Filmwelt an die Künstler. Schon am frühen Sonntagabend, als der Österreicher noch am schmalen roten Teppich geduldig Autogramme schrieb, war eigentlich alles klar. Wer hätte seinem Film unter den Nominierten das Wasser reichen sollen?

Gewiss nicht Uli Edels "Baader-Meinhof-Komplex", nicht der glücklose Ausstattungsfilm "Die Gräfin", nicht Almodóvars jüngste Hitchcockiade "Zerrissene Umarmungen", der zurecht den Musikpreis erhielt, und auch nicht der bereits bei den Oscars über Gebühr gefeierte "Slumdog Millionär", nun Träger des Europäischen Publikumspreises. Haneke, soviel gilt schon als sicher, wird den deutschen Sprachraum auch bei den Fremdsprachen-Oscars vertreten. Und damit den Triumphzug beenden, den sein Film seit der Goldenen Palme von Cannes im vergangenen Mai erlebt.

Doch so sehr man auf die Anerkennung durch die USA hofft, so trotzig selbstbewusst gab sich einmal mehr die Europäische Filmakademie bei ihrer Preisverleihung. Da verlieh man der leider abwesenden Kate Winslet einen Darstellerpreis für ihre Rolle in "Der Vorleser" - und unterschlug bei der Vorstellung des Films das Koproduktionsland USA.

Auch die Oscars mögen vorrangig die eigene Filmbranche im Blick haben, allein die Tatsache aber, dass dort ein britischer Film wie "Slumdog Millionär" gewinnen kann, zeigt doch auch, dass sich diese Veranstaltung, anders als der Europäische Filmpreis, nicht abschottet vom Weltkino.

Ehrenpreisträger Ken Loach forderte gar in seiner Dankesrede eine Einfuhrbeschränkung für amerikanische Filme - schließlich habe die gegenwärtige Regierung ja gerade ähnliches für einzelne Industriezweige beschlossen. Damit wäre die Freiheit der Kunst, für die gerade das Kino des großen Engländers kompromisslos eintritt, ad absurdum geführt. Schon jetzt sehen wir nur noch wenige US-Independentfilme in den deutschen Kinos. Anders als fast jeder europäische Film sind die unabhängigen Filmproduktionen anderer Territorien nicht bereits durch die öffentliche Hand gefördert worden. Schon darin besteht ein Protektionismus, der weitere Einfuhrbeschränkungen unnötig erscheinen lassen sollte.

Dennoch ehrt es Loach, dass er seinen Auftritt nicht in eigener Sache nutzte. Stattdessen forderte er einen stärkeren Einsatz der Filmwelt für eine palästinensische Regisseurin, die in ihrer Heimat unter politischen Repressionen litte. "Ich denke dabei an die Palästinenserin Annemarie Jacir", erklärte er gegenüber der FR. "Sie kann in ihrer Heimat praktisch nicht mehr arbeiten." In ihrem in San Sebastian prämierten Sozialdrama "The Salt and the Sea" schildert die Regisseurin durchaus im Stil von Loach die alltäglichen Auswirkungen der israelischen Siedlungspolitik. Wie weit Loachs Vorwürfe zutreffen, Israel hindere die Künstlerin an der Arbeit, konnte am Rande der Preisverleihung freilich kaum geklärt werden.

Auch Isabelle Huppert, die ebenfalls für ihr Lebenswerk geehrt wurde, forderte einen Blick über den Tellerrand. Demonstrativ hielt sie ihre kurze Ansprache zweisprachig, die Weltsprache des Kinos bedürfe ohnehin keiner Worte. So verwahrte sie sich geschickt gegen jede nationale Vereinnahmung von Künstlern. Gegen Frankreich, wo man erwartet, dass sich Franzosen in ihrer Landessprache artikulieren. Und auch gegen die große Nation Europa, die sich auch bei einer ausgelassenen Feier wie in Bochum merkwürdig abgeschottet präsentiert.

Einen Preis für den besten außereuropäischen Film hat man vor Jahren abgeschafft. Dass einige der wichtigsten Einflüsse des Weltkinos freilich aus anderen Kontinenten kommen, wurde einem gerade durch den Ausschluss aus dem Blickfenster wieder einmal schmerzlich bewusst.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  14 | 12 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

FR-Spezial

Alle Hintergrundberichte, Filmkritiken, Interviews und Schlagzeilen rund um die 62. Berlinale im FR-Spezial.

Academy Awards - "And the winner is..."
Zwischen 300 und 500 Euro ist eine Oscar-Statue wert, je nach Goldpreis. Der ideelle Wert ist für Schauspieler und Filmemacher unbezahlbar.

Alle Gewinner der 84. Academy Awards of Merit, die desaströsesten Outfits auf dem roten Teppich und mehr im Oscar-Spezial.

TV-Kritik
Indianer-Squaw in Türkis: Für Joan Franka und die Niederlande hat es nicht gereicht.
ESC 2012 Halbfinale 
Höhepunkt des 1. ESC-Halbfinales: der Auftritt der Buranowski Babuschki.
Eurovision Song Contest in Baku 
Jogger an der Außenalster in Hamburg.
TV-Kritik "Der adidas Check" 
TV-Moderator Günther Jauch.
Thilo Sarrazin bei Günther Jauch