Aktuell: Schicksal von Tugçe A. | Burger King | Polizeigewalt in Ferguson | Eintracht Frankfurt | Fußball-News

Film

03. Februar 2010

Fajr Film Festival Teheran: Die unsichtbare Jury

 Von Amin Farzanefar
Vom Propagandisten immer mehr zum Kritiker: Ebrahim Hatamikias brisanter Film "The Colour of Purple". Foto: Fajr Festival

Zwischen Willfährigkeit und Widerstand: Dem Teheraner Fajr Film Festival gehen die Juroren aus. Aus Protest gegen die Niederschlagung des Aufstandes haben die meisten abgesagt. Von Amin Farzanefar

Drucken per Mail

Dem Teheraner Fajr Film Festival gehen die Juroren aus: Asghar Farhadi, vergangenes Jahr auf der Berlinale für "About Elly" ausgezeichnet, gab eine Reise als Grund für die Absage an, andere schoben Krankheiten und anderweitige Ausflüchte vor oder revidierten ihre Zusage.

Abbas Kiarostami, wohl der enigmatischste aller iranischen Regisseure, hatte seine Ablehnung gar nicht erst begründet. So wurde das Festival Anfang letzter Woche erst einmal ohne Jury eröffnet - sie tage im Geheimen, hieß es, "um sich besser zu schützen". Erst gegen Ende der Woche wurden dann einige Namen bekannt gegeben.

Bereits im Oktober 2008 hatten 213 angesehene Filmemacher zur Nicht-Teilnahme am Dokumentarfilmfest "Cinema Verité" aufgerufen: Wenn man das wichtigste Ereignis des Jahres - die Wahlen und die folgenden Unruhen - nicht dokumentieren dürfe, dann könne auch von "Dokumentarfilm" keine Rede mehr sein. Nun ist auch Fajr betroffen.

Viele Regisseure, Autoren und Schauspieler halten sich dieser Tage von der Veranstaltung fern. Die unerschrockene Rakhshan Bani-Etemad, eine mit der Zensur im Dauerstreit liegende sozialrealistische Filmemacherin, die auch im Umfeld der Wahlen aktiv war, wollte ihren neuesten Film "Empty Home of the Sun´s Yard" nun selber nicht zeigen - der Produzent war indes schneller. Auch einige andere sahen sich wider Willen im Programm.

Tatsächlich befindet sich Fajr, 1982 als Schmuckstück der alljährlichen Revolutionsfeierlichkeiten gegründet, in andauernder Zerreißprobe zwischen Willfährigkeit und Widerstand; von der staatlichen Produktionsfirma Farabi ausgerichtet und dem Zensurministerium Ershad untergeordnet, hat es ebenso ein Interesse, Filme zu zeigen, wie sie zu zensieren.

Das macht jeden Jahrgang aufs Neue spannend: Üblicherweise gibt es - mindestens - einen umstrittenen Film, über dessen Freigabe noch während des Wettbewerbs verhandelt wird. In allerletzter Minute, per Handzettel angekündigt, läuft er dann doch noch - und gewinnt nicht selten einen Hauptpreis.

Andere schaffen das nicht: Beispielsweise Tahmineh Milanis düsterer "Payback", in dem einige Riot Girls zu einem Rachefeldzug gegen ihre männlichen Peiniger ausziehen. Oder "The Colour of Purple" von Ebrahim Hatamikia, der sich ähnlich wie Mohsen Makhmalbaf vom Propagandisten immer mehr zum Kritiker gewandelt hat: Der Film erzählt von einem Geheimdienstmitarbeiter, der sich in eine junge Oppositionelle verliebt und in Gewissenkonflikte kommt. Vor aktuellem Hintergrund bekommt der alte Stoff neue Brisanz.

Diese beiden Arbeiten und einige weitere Asservaten wurden nun im Vorfeld des Festivals freigegeben. Sei es, um die Lücken zu füllen, oder um der Veranstaltung den bitter nötigen liberalen Anstrich zu geben. Da diese plötzliche Schwemme nur für die Dauer des Festivals gilt, werden die Schlangen Kinobegeisterter auch in diesem schwierigen Jahr nicht ausbleiben - die Jugend verlangt nach iranischen Stars ebenso wie nach aktueller Westware.

Doch auch die Reihen der internationalen Festivalprominenz sind ausgedünnt: Theo Angelopoulos, gern gesehener Dauergast, Philippe Lioret ("Welcome"), der Franko-Palästinenser Elia Suleiman ("Göttliche Intervention"), Ken Loach und viele andere blieben daheim. Aber gerade auf Loach waren sie in Teheran wegen seiner Isreal-kritischen Haltung besonders stolz gewesen.

Die Europäer erklärten sich solidarisch mit iranischen Kulturschaffenden, die ihre Boykott-Aufrufe im Internet verbreitet hatten: Teilzunehmen hieße, das Leiden der Bevölkerung in ihrem Kampf um Freiheit zu ignorieren.

Dem schloss sich dann auch der Star der Theatersektion des Festivals an, üblicherweise Bastion des kulturellen Dialogs gegen alle Sanktionsforderungen - Peter Brook hatte ursprünglich Dostojewskis "Großinquisitor" inszenieren wollen: Die Begegnung zwischen Christus und dem Vertreter der Inquisition - eine Parabel über die Schleifung der Ideale durch die Macht - wäre Sprengstoff gewesen in dieser Zeit. Immerhin blieb es bei einer Galileo-Inszenierung von Dariush Farhang, die vor ausverkauftem Hause von den Zuschauern mit stockendem Atem auf subversive Sätze hin verfolgt wurde. Wie viele und vieles im Iran hat auch das Festival zwei Gesichter.

In den offiziellen iranischen Medien ist all das nicht einmal als Hintergrundrauschen wahrzunehmen. Man zelebriert die Stars und die Filme, die da sind. Tatsächlich ist Fajr mit Kontakten nach China, Russland oder Indien nicht allein auf westlichen Zuspruch angewiesen.

Und ohnehin findet sich in der Sektion "Kino der Unterdrückung" neben dem obligaten Palästina-Solidaritätsfilm auch Amerikakritisches - aus den USA: Brian de Palmas "Redacted" und Michael Winterbottoms "The Road to Guantanamo".

Aber man reagiert auf Zeichen: Das Festival wurde vorgezogen, damit es vor den potenziell unruhigen Revolutionsfeierlichkeiten am 11. Februar endet. Dazu passt die seltsame Verlegung. Befand sich das Festivalzentrum zuvor in der Teheraner Innenstadt, ist es nun weit in den Norden umgezogen. Die Gäste sind dort im "Hotel Evin" untergebracht. So nennen die Tehranis spöttisch auch das berüchtigte Gefängnis.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Oscar 2014
Kino: Neustarts
Service
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:
TV-Kritik
Filmtipps
Medien