Die Lage ist ernst. Vielleicht ist das Kino ja wirklich ein Dinosaurier kurz vor dem Aussterben, wie der Filmemacher Peter Greenaway schon vor zwei Jahrzehnten meinte. Seit in vielen Theatern bereits mit derselben digitalen Technik vorgeführt wird, die man auch zu Hause haben kann, verblasst auch jener letzte zwingende Impuls, tatsächlich noch hinzugehen, ins Kino.
Niemand macht sich auf diesen Weg für etwas Popcorn und fremde Leute. Man geht ins Kino für die Flucht aus dem Alltag und die Tür, die sich hinter uns schließt. Das Heimkino dagegen ist ein geschätzter Hausgenosse, der sich unverzichtbar gemacht hat. Wie die Waschmaschine. Und Filme sind wie die Wäsche, die man hineintut und wieder herausholt.
Home, Trailer Frankreich/Schweiz/Belgien 2008
Die Schweizer Filmemacherin Ursula Meier zeigt uns in ihrem ersten langen Kinofilm "Home" Bild für Bild, was wir dabei zu verlieren haben. In keiner anderen Kunstform wäre darstellbar, wovon sie erzählt: Eine vierköpfige Familie lebt in einem kleinen Haus an einer unausgebauten Autobahn. Die Leute leben dort wie die Pioniere in einem Western. Es ist ein faszinierendes und befremdliches Idyll.
Die Ausblicke durch die Fenster auf die weite Landschaft erinnern an John Fords Filmklassiker "The Searchers", der an der Grenze zwischen der Zivilisation spielte und dem Urgrund, den diese verdrängte, die ungezähmte Wildnis. In "Home" ist diese Trennlinie die Autobahn. Doch alle Parameter der Western-Topographie sind hier verschoben. Im Rohbau des Verkehrswegs ist eine eigene Wildnis entstanden, ein perfekter Spielplatz. Und als dann doch noch Bauarbeiter anrücken und mit aller Präzision des gestandenen Handwerks eine aschgraue Teerschicht legen, sieht es sogar noch schöner aus. Ohne Autos darauf wirkt das dunkle Band mit den weißen Streifen so unschuldig wie der leibhaftige autofreie Sonntag.
Erst als er schließlich dem Verkehr übergeben wird, zerplatzt der schöne Traum. Das Leben an der Schnellstraße ist plötzlich gefährlich wie ein echter Urwald. Der kleine Junge überwindet die Fahrbahn todesmutig wie einen reißenden Fluss. Ein Abenteuer, das man nur einmal wagt. In Schnorchel und Badehose ist er ein Indianer der neuen Wildnis. Lärm und Umweltverschmutzung werden für die Hausgemeinschaft nun zur Zerreisprobe.
Isabelle Huppert hat sich für die Mutterrolle ein delikates Nervenkostüm aus Hausfrauen-Autorität und Verletzlichkeit angelegt. Olivier Gourmet als ihr Ehemann wirkt dabei kaum weniger neurotisch: In einer Mischung aus väterlichem Beschützerinstinkt und krankhafter Paranoia baut der Pionier nun eine Festung, vermauert die Fenster. Die Indianer sind plötzlich die anderen - Urlauber etwa, die es sich im Stau gemütlich machen, als seien sie auf der Autobahn zu Hause.
Jetzt wirkt Ursula Meiers Film wie das finstere Gegenstück zu einem Agitprop-Klassiker der frühen siebziger Jahre, "Themroc" von Claudio Faraldo. Nur, dass damals Michel Piccoli als moderner Höhlenmensch die Wände aus seiner Mietskaserne gerade hinausschlug, anstatt sich einzumauern. Auch die Familie von "Home" wird ihre Trutzburg sprengen müssen, und die Filmemacherin weiß bereits die passende Musik dazu: Nina Simones Ballade "Wild Is The Wind"- auch das ein Kinozitat aus dem gleichnamigen Film mit Anna Magnani.
"Home", der Titel ist programmatisch für das jüngere europäische Kino. Auch in Deutschland ist derzeit immer wieder vom Zuhause und der Heimat die Rede. Allerdings sind die filmischen Mittel meistens realistisch. "Home" wirkt da schon auf den ersten Blick wie eine Befreiung, was viel mit der Kameraarbeit von Agnès Godard zu tun hat. Wie in ihren Arbeiten für Claire Denis ("35 rhums") wählt sie einen Stil von lyrischer Objektivität. Wie leicht wäre es gewesen, die Autobahn in zentralperspektivische Bildfluchten zu gießen. Agnès Godard aber lässt dieses überstrapazierte Bildmotiv immer neu und anders aussehen.
Wie jeden Film kann man auch diesen auf dem kleinen Bildschirm sehen. Doch dann hätte man seine großartige Wildnis eingezäunt.
Home, Regie: Ursula Meier, Schweiz, Frankreich, Belgien 2008, 97 Minuten.