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Film

25. Februar 2015

Film „Bande de filles“: Der Bling-Ring der Banlieue

 Von Susanne Lenz
Sie tun, als sei alles möglich.  Foto: Peripher Filmverleih

Eine tolle Geschichte aus den Pariser Vorstädten: „Bande de filles“. Dabei übt der Film keine Sozialkritik. Man spürt stattdessen, wie fasziniert die Regisseurin von der Ästhetik der jungen Frauen ist.

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Dieser Mädchenbande möchte man nicht in der U-Bahn begegnen. Rücksichtslos sind sie, laut und streitsüchtig. Sie lassen Musik aus ihren geklauten iPhones plärren und tanzen dazu. Wehe, ein Fahrgast würde um Ruhe bitten.

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Im Mal seh'n in Frankfurt: bis 11. März, jeweils um 22 Uhr (OmU).

Die vier Teenager, aus denen die Gang besteht, sind die Heldinnen von „Bande des filles“, dem dritten Spielfilm der jungen französischen Regisseurin Céline Sciamma. Sie sind schwarz, wie alle Darsteller in diesem tollen Film. Und man wird sich noch sehr mit ihnen anfreunden im Verlauf der Handlung.

Schauplatz ist die Pariser Banlieue. Die Kamera fährt an ausdruckslosen Häuserfronten entlang, davor ein paar Blumenkübel aus Beton, von denen die Farbe blättert. Bepflanzt werden sie längst nicht mehr. Dieser Versuch, eine triste Umgebung zu verschönern, lässt sie noch trostloser erscheinen. Hier draußen in der Trabantenstadtzone gibt es keine Boulevards, keine Art-Déco-Fassaden. Und der Eiffelturm ist ein Hindernis auf dem Minigolf-Platz, auf dem sich die Mädchen einmal die Zeit vertreiben.

Marieme (Karidja Touré), ist die Hauptfigur. Drei verschiedene Frisuren hat sie im Laufe der Handlung. Jede Änderung deutet auf eine tiefgreifende Wandlung. Anfangs trägt sie die langen Haare zu lauter dünnen Zöpfen geflochten. Sie hat gerade erfahren, dass sie es nicht auf die weiterführende Schule schafft, weil ihre Noten so schlecht sind. „Ich bin daran nicht schuld“, sagt sie zur Lehrerin. Es klingt wie eine Anklage.

Aber „Bande des filles“ übt keine Sozialkritik. Man spürt stattdessen, wie fasziniert die Regisseurin von der Ästhetik der jungen Frauen ist, ihren Posen, ihrem Charisma, der Wärme zwischen ihnen. Céline Sciamma hat eine Coming-of-Age-Geschichte gedreht, die ein realistisches Porträt dieser jungen Frauen zeichnet. Authentisch wirkt ihr Film auch deshalb, weil die Schauspielerinnen allesamt Laien sind. Vier Monate lang hat die Casting-Agentin in und um Paris nach ihnen gesucht – und Volltreffer gelandet.

Voller Leben: Die Freundinnen singen und tanzen zu Rihannas „Shine bright like a diamond“.  Foto: Peripher Filmverleih

Mariemes Mutter geht putzen. Sie meint es gut, hat aber keine Zeit für ihre Kinder. Marieme kümmert sich liebevoll um die jüngeren Schwestern, der große Bruder kommandiert alle herum. Und der Vater ist abwesend. Dann gerät Marieme in die Fänge einer Mädchengang, die ein neues Mitglied sucht. Marieme lernt mit ihren neuen Freundinnen ungeahnte Freiheiten kennen. Die vier bilden eine Art Bling-Ring der Banlieue. Sie wollen aussehen wie Celebrities. So glätten sie ihr krauses Haar, klauen Klamotten und mieten sich mit ebenfalls geklautem Geld ein Zimmer in einem gesichtslosen Hotel, von dem sie so begeistert sind wie andere von einer Luxussuite.

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Die schönste Szene des Films spielt dort. Die vier Freundinnen singen und tanzen zu Rihannas „Shine bright like a diamond“. Sie sind so voller Leben, dass es einem das Herz zerreißt. Diese Mädchen haben andere Elternhäuser als der echte Bling-Ring, jene Teenager-Bande, die in Los Angeles in Prominenten-Villen einbrach und Juwelen, Handtaschen und Designer-Kleidung mitgehen ließ.

Die Banlieue-Mädchen klauen in billigen Boutiquen. Und in den Vororten von Paris herrscht auch keine Wohlstandsverwahrlosung, eher das Gegenteil. Einmal, als die Mädchen in einem Imbiss sitzen, tritt eine junge Frau an ihren Tisch. Sie war einst Mitglied der Gang, jetzt hat sie ein kleines Kind. Das ist die Perspektive. Aber wenn die Mädchen zu viert unterwegs sind, tun sie so, als sei alles möglich.

„Ich kann machen, was ich will“, lässt Gangchefin Lady Marieme wiederholen. Doch Zuhause gilt das nicht. Da haben die Patriarchen das Sagen, die Väter, die Brüder. Ihre Macht speist sich aus Gewalt. Sie meinen über die Ehre der Töchter, der Schwestern wachen zu müssen, weil sie sie zu ihrer eigenen gemacht haben. Der Ausbruchsversuch der jungen Frauen ist zeitweilig.

Nur Marieme ist anders. Sie geht weiter. Sie hat Mut, sie schlägt die Sicherheit aus. Doch was sie bis jetzt in ihrem Leben erfahren hat, befähigt sie nur dazu, sich vorzustellen, was sie nicht will. Am Ende trägt Marieme ihre Haare so kurz wie ein Junge, manchmal zieht sie eine hellblonde Perücke darüber. Jetzt scheint ihre Lage aussichtslos, jetzt ist alles möglich.

Bande de filles. F 2014. Regie: Céline Sciamma. 113 Minuten.

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