Die Furcht vor dem Fußball hat die deutschen Filmverleiher diese Woche in die Flucht getrieben. Nur zwei Spielfilme laufen an, was "Easy Virtue" möglicherweise sogar zugute kommt. Die englisch-kanadische Koproduktion wäre in einer vollen Kinowoche leicht unter die Räder geraten. Nun muss der etwas betagte Film die geballte Aufmerksamkeit aller Herzlosen schultern, denen das Schicksal der Löw-Truppe egal ist. Ob er das verkraftet?
Schon Alfred Hitchcock wusste in seiner Verfilmung von 1928 wenig mit Noel Cowards ernster Komödie aus der britischen Oberschicht anzufangen - allerdings bot sich das bissige Dialogstück auch nicht gerade an für einen Stummfilm. Diese Sorge hat Regisseur Stephan Elliot ("Priscilla - Königin der Wüste") nicht. Sein Film ist so gesprächig wie die gemütlichen englischen Serien, die man früher an Sonntagnachmittagen sendete, wenn der "Doktor und sein liebes Vieh" Sprechstunde hielten.
Cowards Stück um einen Sohn aus reichem Hause, der seinem ungleichen Elternpaar eine denkbar unwürdige amerikanische Schwiegertochter präsentiert, lebt von der Besetzung. Kristin Scott Thomas ist fast schon zu gespenstisch als intriganter Haustyrann. Mit einer Enthüllung aus der Vergangenheit des unerwünschten Eindringlings treibt sie einen Keil zwischen das junge Glück, von dem es sich nicht mehr erholen wird.
Leider hätte man auch als gänzlich Unbeteiligter Zweifel an dieser Verbindung haben können, denn die von der höchst attraktiven Jessica Biel verkörperte Automobilistin hätte etwas Besseres verdient als den Mann, den Ben Barnes hier spielt. Barnes war schon als Dorian Gray überfordert. Unfassbar, es bleibt vollkommen unklar, was die weit aufregendere Biel an so einem Waschlappen gefunden haben kann. Viel interessanter ist da schon Colin Firth als sein Vater: Niemand kann die Nöte der Midlife-Crisis menschlicher verkörpern als dieser distinguierte Schauspieler.
Das alles ist doch auch sehr vergesslich: Ein weiterer Beleg dafür, dass sich das Art House Kino unbemerkt in das wahre Bezahlfernsehen verwandelt hat.
Easy Virtue, Regie: Stephan Elliott, Kanada/GB 2008, 97 Minuten.