kalaydo.de Anzeigen

Film "O'Horten": Traumwandlung

Auf zur letzten Dienstfahrt - oder: Die wundersame Reise eines Lokführers zeigt Bent Hamer in dem Film "O'Horten".

Für eine Reise zum Mond reicht es noch nicht, aber für O'Horten ist es weit genug.
Für eine Reise zum Mond reicht es noch nicht, aber für O'Horten ist es weit genug.
Foto: pandora

Am Ende des Tunnels wartet das Licht. Es ist gleißend hell, es ist Schnee und Sonne in funkelnder Perfektion. Ist das alles, an dem Tag, an dem der siebenundsechzigjährige Odd Horten seine letzte Dienstfahrt als Lokführer antritt? Der Tunnel ist die Realität, aber die Realität sieht in den Filmen des norwegischen Regisseurs Bent Hamer immer ein bisschen seltsam aus. Die Welt scheint sie sich unter Hamers fragendem Blick der Wirklichkeit wie eines Mantels zu entledigen und zuzugeben, dass sie ganz Metapher ist. Das Licht am Ende des Tunnels, es wartet bis zum Schluss auf O'Horten, und es verheißt eine Auferstehung.

Von seinen Kollegen, die ihn mit Eisenbahnerritualen verabschieden, die sehr ernst und darum sehr lustig sind, wird Horten Odd genannt. Ausgesprochen klingt das wie Otto ohne "o", meint aber, wenn man den Vornamen englisch versteht, nichts anderes als "skurril". Verschiebungen von Bedeutung und Bedeutetem sind Hamers Lieblingstrick, um den grobstofflichen Rahmen unserer Existenz in ein Fenster zu verwandeln. Warum der ebenso einsame wie pflichtbewusste Protagonist, der kein anderes Laster als seine Pfeife kennt, im Titel des Films als O'Horten daherkommt, das bedarf der Fenster-Öffnung.

Der Film

O'Horten, Regie: Bent Hamer, Norwegen 2008, 90 Minuten.

Tun wir also, was der Film sowieso tut, und interpretieren die Realität neu. Sagen wir einfach, der Titel bezieht sich auf ein irisches Märchen. Dessen Held, Daniel O'Rourke, lässt sich überhaupt nicht mit dem schüchternen Odd vergleichen. Vielleicht erbt er gerade deswegen, quasi zur Ermunterung, das weltenrunde irische O'? O'Rourke ist ein Säufer, der an einem hohen katholischen Feiertag seinen Neigungen nachgibt und Erstaunliches erlebt. Daniel O'Rourkes Irrfahrten, denn so heißt das Märchen, führen ihn bis zum Mond, wo der Mann im Mond eine Sichel absägt, damit sich der ungebetene Gast nicht daran festhalten kann. Am Ende ist alles nur ein Traum gewesen, aus dem so viel Schuldbewusstsein wie Schelmentum spricht.

Nun würde sich Odd nie betrinken, er verpasst sogar das Besäufnis zu seinen Ehren. Aber eine Irrfahrt tritt er dennoch an, und sie ist nicht minder wundersam als die seines irischen Märchenkollegen. In einem weiß verschneiten Oslo, das zu menschenleer ist, um wahr zu sein, verliert Odd erst die Übersicht, dann seine Pfeife, dann seine Schuhe, die von gut protestantischen Sport-Feen in einem Schwimmbad immerhin gegen ein paar knallrote Highheels eingetauscht werden. In seinen roten Schuhen stolpert der stoische Odd über einen alten Herren, der auf der Straße liegt.

Bevor Odd höflich vorschlägt, ein Taxi zu bestellen, plaudern er und der ruhende Gentleman ein wenig. Sein neuer Freund behauptet, Diplomat gewesen zu sein. Von irgendwoher habe er ein Stück von einem Meteoriten mitgebracht. Der sei lange vor der Entstehung der Erde durchs All gekreist, doch seine Reise sei noch nicht zu Ende. Schade nur, sagt der Aufgelesene, dass sein erfinderischer Bruder das nicht mehr sehen könne. Der sei früh an seiner Schizophrenie verstorben. Ob Odd nicht Lust hätte, mit ihm einen Auto-Ausflug zu machen? Allerdings habe er eine Eigenheit, er fahre immer blind. Der Meteoriten-Mann schließt seine Augen auf Oslos Straßen für immer.

Odd ist wieder allein. Immerhin hat er jetzt Molly, den Hund des Blindfahrers. Auch den Meteoriten hat Odd an sich genommen. Falls es sich nicht doch nur um einen Stein handelt, denn der Verstorbene, der gerne Whisky trank, scheint ein Nachfahre des legendären Schwindlers Daniel O'Rourke gewesen zu sein. Was immer da in Odds Jackentasche gelandet ist, es verlangt danach, weiterzureisen. So kommt es, dass der Lokführer, der noch nie geflogen ist, zu einem Sprung in die Unendlichkeit ansetzt. Zwar führt ihn sein Wagnis nicht auf den Mond, aber für Odd ist es ein nicht minder großer Schritt.

37 Jahre Berufsjahre lang hat Odd zum weißen Hemd seine schwarze Krawatte getragen. Krawatte werden auch Binder genannt. Das kommt daher, dass sie etwas abbinden. Als Odd den Knoten löst, ist es Frühling geworden. Wie "Eggs", "Kitchen stories" oder "Faktotum" ist auch "O'Horten" von dem tragikomischen Bewusstsein geprägt, wie schwierig es ist, in existenzielle Einsamkeit hineingeboren worden zu sein, geschweige denn, ein Mensch (mit Kontakten) zu werden. Diesmal ist Hamers Humor weniger grotesk als melancholisch. O'Horten erwacht aus einem Leben, das kein schöner Traum war. Aber noch ist es nicht vorbei.

Autor:  HEIKE KÜHN
Datum:  18 | 12 | 2008
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

FR-Spezial

Alle Hintergrundberichte, Filmkritiken, Interviews und Schlagzeilen rund um die 62. Berlinale im FR-Spezial.

Academy Awards - "And the winner is..."
Zwischen 300 und 500 Euro ist eine Oscar-Statue wert, je nach Goldpreis. Der ideelle Wert ist für Schauspieler und Filmemacher unbezahlbar.

Alle Gewinner der 84. Academy Awards of Merit, die desaströsesten Outfits auf dem roten Teppich und mehr im Oscar-Spezial.

TV-Kritik
Indianer-Squaw in Türkis: Für Joan Franka und die Niederlande hat es nicht gereicht.
ESC 2012 Halbfinale 
Höhepunkt des 1. ESC-Halbfinales: der Auftritt der Buranowski Babuschki.
Eurovision Song Contest in Baku 
Jogger an der Außenalster in Hamburg.
TV-Kritik "Der adidas Check" 
TV-Moderator Günther Jauch.
Thilo Sarrazin bei Günther Jauch