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Film

28. November 2008

Film "Pazar": Der genarrte Narr

 Von HEIKE KÜHN
Mihram, der Durchschnittsschelm.  Foto: Flying Moon

Ben Hopkins' tieftraurige Komödie "Pazar - Der Markt" zeigt die Kälte der Globalisierung in Ost-Anatolien.

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Proletarische Trilogie" nannte Aki Kaurismäki den Zusammenschluss seiner drei Filme "Schatten im Paradies", "Das Mädchen aus der Streichholzfabrik" und "Ariel". Entstanden zwischen 1986 und 1990, verfolgten die Filme den Niedergang einer Klasse. Kaurismäkis Protagonisten waren Entfremdete auf der Schwelle zur Überflüssigkeit. Die Kälte, die aus seinen lakonischen Filmen zu uns kam, sollte sich Globalisierung nennen.

In Ost-Anatolien, wo Ben Hopkins Film "Pazar" Anfang der 90er Jahre spielt, ist es warm, aber das täuscht. Der englische Regisseur, der für den Dreh fern der Heimat sogar Türkisch lernte, scheint ein Bewunderer der "Proletarischen Trilogie" sein. Die Universalität, die Kaurismäkis Geschichten inmitten der finnischen Provinz entwickelten, zeichnet auch Hopkins Film aus. Sein roter Faden, der anatolische Arbeitslosigkeit, den grenzüberschreitenden Siegeszug der Tele-Kommunikation und die Ausbeutung menschlicher und natürlicher Ressourcen durch skrupellose Global Players verknüpft, ist ein Mobilfunkkabel.

Das Kabel verbindet den wohlhabenden Besitzer mit der großen Welt. Doch auch die kleine Welt will leben. Das Kabel verschwindet. Ein Fall für Mihram, den von Geldsorgen, Spiel- und Alkoholsucht zerrissenen Anti-Helden des Films. Mihram sieht sich in der Tradition eines ehrenwerten Schwarzmarkthändlers. Er stiehlt nicht, er beschafft. Dass er seinem zweifach gefoppten Kunden das eigene Kabel zurückverkauft, ist ein Berufsrisiko. Für den örtlichen Mafiaboss, der den Medikamententransport des einzigen Krankenhauses weit und breit plündert, hat Mihram nur Verachtung übrig. Doch geht seine Abneigung so weit, dass es für eine gute Tat reicht? Wird Mihram für eine verzweifelte Ärztin jenseits der Grenze das Serum auftreiben, das über Tod und Kinderleben entscheidet? Wird er auf den Lohn verzichten, weil die Ehre seiner Familie auf dem Spiel steht? Und wird Gott es ihm lohnen, ganz so wie seine Frau Elif es weissagt?

Ein schlechter Kerl ist der Enddreißiger nicht, sonst würde die kluge Elif ihn nicht lieben. Wer aber ist der Mann, der mit Gott Geschäfte zu machen versucht und daran scheitert, dass der Himmel ihn schweigend überbietet? Um solche Fragen zu beantworten, hält sich Hopkins an Brecht. Unbemerkt von Mihram, sichtbar nur für den Betrachter seines lehrreichen Schicksals, übernimmt es eine Sängerin, seinen Charakter zu entschlüsseln. Singend und klingend wie 1001 Nacht, lässt die orientalisch verfremdete Erzählerin keinen Zweifel daran, dass Mihram ein typischer Vertreter des genarrten Narren ist.

All seine Winkelzüge und Tricks, all seine guten Vorsätze und schlechten Gewohnheiten können ihn nicht aus dem Netz befreien, das die weltumspannende Macht des Konsums und der Profitgier über ihn wirft. Um Geld für die Lizenz zum legalen Verkauf von Handys aufzutreiben, schachert Mihram mit dem Tod und verliert seine Seele an den Teufel. Dass der höchst real vom lokalen Mafiaboss vertreten wird, ändert nichts an der metaphysischen Komponente dieser tieftraurigen Komödie.

Für die Darstellung des Durchschnittsschelms, der um Unabhängigkeit ringt und mit seinen Lügen nur die Mafia bereichert, ist der türkische Schauspieler Tayanç Ayadin auf dem Filmfestival von Locarno zu recht als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet worden. Aber seine Kunst entfaltet sich erst im Rahmen der unaufdringlich Grenzen und Glaubenssätze verschiebenden Erzählung, die allzu menschliche Handlungen als Teil eines längst pervertierten Gewinnstrebens offenbart.

Die Handys, deren Verkauf Mihrams kleine Familie retten soll, kommen aus Finnland. Kaurismäki lässt grüßen. Doch das Aluminiumerz für ihre Produktion stammt aus Ländern, in denen Hungerleider wie Mihram für den Abbau ihre Gesundheit opfern. "Woher hat der Mond sein Licht", pflegt Mihram zu scherzen, wenn ihm jemand nach seinen Quellen fragt. "Von der Sonne", sagt eine seiner Kundinnen zynisch.

Doch die Erzählerin, die Mihram schon mal unerkannt in den Schlaf singt, weiß es besser: Vergiss die Frage, lautet ihr Refrain sinngemäß, denn in ihrer ganzen Tragweite ist die Antwort nicht auszuhalten.

Trailer: "Pazar - Der Markt"

Pazar - Der Markt, Regie: Ben Hopkins, Deutschland / Großbritannien 2008, 92 Minuten.

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