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Film

10. März 2016

Film aus Nordkorea: "Im Strahl der Sonne": In Nordkorea ist es am schönsten

 Von Susanne Lenz
Für den Dokumentarfilm erfanden die nordkoreanischen Behörden einige Lebensumstände der Protagonistin Sin Mi neu.  Foto: Edition Salzgeber

Der russisch-ukrainische Regisseur Vitaly Mansky dreht in Nordkorea "Im Strahl der Sonne". Die Schamlosigkeit des diktatorischen Hineinwirkens in die filmische Arbeit ist entlarvend.

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In ihrem Land geht die Sonne als erstes auf, so hat es die achtjährige Sin Mi gelernt. Und das Verhalten der Sonne ist für sie vollkommen logisch, gibt es doch kein besseres, schöneres Land auf der Welt als das ihre. Die Rede ist von Nordkorea, und der russisch-ukrainische Regisseur Vitaly Mansky ist auf die verrückte Idee gekommen, hier einen Film zu drehen. Tatsächlich bekam er nach einem langwierigen Briefwechsel mit den nordkoreanischen Behörden eine Drehgenehmigung. Dabei hat ihm sicher seine Herkunft geholfen. Russland ist eines der beiden Länder, zu denen Nordkorea freundliche Beziehungen pflegt.

Freiheiten hatte der Regisseur beim Porträt des Mädchens, das kurz vor seiner Aufnahme bei den Jungpionieren steht, dennoch sehr wenige. Mansky bekam ein Drehbuch vorgelegt, man stellte ihm einen Aufpasser an die Seite. Seine Hauptdarstellerin durfte der Regisseur zwar unter fünf Mädchen auswählen, doch wurden das Kind und seine Familie für den Film von den Behörden umgemodelt. Beim ersten Interview hatte Sin Mi gesagt, ihr Vater sei Journalist, ihre Mutter arbeite in einer Kantine, sie lebten am Stadtrand. Bei Beginn der Dreharbeiten waren die Eltern dann Ingenieur und Mitarbeiterin einer Sojamilchproduktion; die Familie lebte in einer relativ luxuriösen Wohnung im Zentrum Pjöngjangs. Das Filmteam musste jeden Abend das gesamte Material einem Kontrolleur vorlegen.

Was soll dabei herauskommen, mag man fragen, wenn jede Szene, jeder Dialog gestellt und vorgegeben ist? Dann dokumentiere ich eben die Inszenierung, hat sich Vitaly Mansky wohl gedacht. Und es ist ja gerade die diktatorische Art des Hineinwirkens in alle Bereiche des Lebens Kennzeichen einer totalitären Herrschaft, wie sie in Nordkorea existiert. Die Schamlosigkeit, mit der der Aufpasser den Darstellern Anweisungen gibt, ist so schockierend wie entlarvend – auch weil die Angestellten der Kleiderfabrik, in der Sin Mis Vater angeblich Ingenieur ist, so willfährig mitspielen, als hätten sie nie etwas anderes getan. Und das haben sie wohl auch nicht. So vieles in Nordkorea wirkt wie ein Schauspiel, mit dessen Hilfe der Einzelne der Gemeinschaft unterworfen werden soll. Darum gibt es Massenchoreographien bei jeder Gelegenheit, bei der gemeinschaftlichen Morgengymnastik, der Vereidigung der Jungpioniere. „Lebe hoch, lebe höher“, singen die Kinder.

Und plötzlich weint Sin Mi

Ein einziges Mal nur konnte das Filmteam Sin Mi selbst eine Frage stellen: Was die Aufnahme bei den Jungpionieren für ihr Leben bedeute? Die Antwort klingt, als entstamme sie dem vorgegebenen Text: „Man tritt ins Erwachsenleben ein, übernimmt Verantwortung für seine Fehler und überlegt, was man noch für Kim Il Sung tun kann.“ Unvorhergesehen sind allerdings die Tränen, die Sin Mi dann vergießt, so als habe sie schon das eigenständige Hervorkramen dieser Phrasen überfordert. Sie fängt sich erst, als ein Mitglied des Filmteams sie bittet, ein Gedicht zu rezitieren. Das tut sie sogleich mit fester Stimme – und man versteht, dass ein Leben in einem derart festgezurrten Rahmen auch eine Art Sicherheit bietet.

Ganz selten zeigt der Film authentisches Material, Straßenszenen beispielsweise, die der Kameramann vom Hotelfenster aus drehen konnte: Zwei Jungs suchen etwas in einer Mülltonne; Menschen drängen sich an einen fahrenden Bus, wohl um einen Platz zu ergattern; zwei Frauen am Gebäude der Sojamilchproduktion halten einen Teetopf hoch, so als würden sie um etwas Milch bitten. Es ist erstaunlich, wie anders diese Bilder auf einen wirken als die gestellten. Es ist, als würde man innerlich einmal aufatmen.

Manchmal kann man beim kontrollierten Material zwischen den Bildern lesen. Etwa wenn eine Näherin den Reißverschluss ihres Arbeitskittels schließt und man den dicken Anorak bemerkt, den sie darunter trägt. Energie ist zu wertvoll im Land, als dass man eine Werkstatt heizen können.

Die tollste Szene ist ebenfalls gestellt. Familien stellen sich am Tag der Sonne, dem Geburtstag Kim Il Sungs, eine nach der anderen auf der Blumenausstellung Kim Il Sung zu Ehren für ein Erinnerungsfoto vor einer Wand voller Begonien in Position. So gelingt es diesem Staat, sogar zu kontrollieren, welches Bild seine Untertanen im Wohnzimmer stehen haben. Es ist immer das gleiche.

Im Strahl der Sonne. D / Russland /Tschechien / Nordkorea 2016. Regie: Vitaly Mansky. 94 Min.

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