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Film

02. Oktober 2008

Film: Der Van Gogh des Techno

 Von DANIEL KOTHENSCHULTE

Endlich einmal ein sensibles Musikerdrama über einen DJ namens Ickarus: Hannes Stöhrs "Berlin Calling". Von Daniel Kothenschulte

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Der Film

Berlin Calling, Regie: Hannes Stöhr, D 2008, 100 Minuten.

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Etwas zu groovy für eine Nervenklinik findet DJ Ickarus seine Beats, doch die Therapeutin sieht das anders. Dunkel und finster erscheint ihr, was der Patient da unter seinen dicken Kopfhörern am Rechner zusammengebraut hat. Zwischen den Turntables dieser Erde ist Ickarus, nomen est omen, abgestürzt. Ist er 30? Ist er über 40? In der Darstellung durch den Berliner DJ Paul Kalkbrenner wirkt er alterslos mit seiner Beinahe-Glatze und der zu großen Sonnenbrille. Die Zeit bleibt stehen, wenn man rauschhaft arbeitet und sich nicht mehr umsieht. Und dem Rausch noch dazu kräftig auf die Sprünge hilft.

Ein wenig erinnert der Musiker bei seiner erzwungenen Auszeit an den malenden Van Gogh in der Irrenanstalt von Saint-Remy. Doch auch wenn DJ Ickarus Sonnenblumen malen würde, fände seine Ärztin diese wohl bedrohlich. Einen Van Gogh zu analysieren, ist nicht schwer: Selbstmordgefahr ist die Diagnose. So geht die Auszeit weiter, die Lebensgefährtin zieht zur lesbischen Freundin. Alle lassen ihn fallen, auch die Plattenfirma. Nur das Finanzamt nicht; das will 25 000 Euro.

Diesmal ist es anders

Bei Musik, das ist nichts Neues, scheiden sich die Geister. Wie viel Gefühl in Techno stecken kann, das überrascht nicht nur die von Corinna Harfouch gespielte Ärztin. Hannes Stöhrs "Berlin Calling" ist ein klassisches Musikerdrama, wie es sie immer wieder in der Filmgeschichte gegeben hat seit dem "Jazz Singer", dem allerersten Tonfilm. Und doch ist dieses anders als die anderen.

Sicher, es ist dieselbe alte Geschichte eines Getriebenen, der jeden Halt verliert außer jener inneren, unkorrumpierbaren Stimme, die sich in Tönen ausdrückt. Doch es ist einmal nicht der Jazz wie im "Mann mit dem Goldenen Arm" oder die pianistische Improvisation wie in "Vier Minuten". Es ist eine Musikrichtung, von der auch jeder Laie zu wissen glaubt, dass sie vor allem aus Samplings besteht, also aus etwas, das es schon gibt.

Paul Kalkbrenners wunderbarer Soundtrack spricht eine andere Sprache. Vielleicht ist es der sentimentalste Techno aller Zeiten, aber er liefert dem Film eine nuancierte emotionale Struktur. Und Kalkbrenners zurückgenommenes Schauspiel ist dem ebenbürtig. Aber auch Rita Lenyel als Freundin Mathilde ist nicht zu übersehen. Sie ist ebenso glaubhaft in ihrem Zustand konservierter Mädchenhaftigkeit. Lange hat sie die Fäden gezogen hinter fremden Karrieren und rettet jetzt ihre Jugend, bevor es zu spät ist.

Auch das eher skizzenhafte Drumherum wirkt farbig durch sein glaubwürdiges Zentrum. Hannes Stöhr, der bei seinem aufwändigen Ensemble-Film "One Day in Europe" dem allgemein Menschlichen etwas zu dicht auf den Fersen war, findet diesmal genau die richtige Form. Andreas Doub liefert mit seiner Kameraarbeit satte Farben, ungewohnt für eine Krankengeschichte, aber er hätte Van Goghs Segen. Und wie der Spätimpressionist hat er keine Scheu vor einem Sonnenaufgang. Das muss man sich trauen.

"Berlin Calling" ist ein Film, bei dem man sich fragt, warum ihn nicht schon vor zehn Jahren jemand gedreht hat. Und dann ist man doch froh, dass es niemand tat. Denn besser wäre es wohl nicht geworden.

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