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Film

26. Juni 2008

Film: Diskretion und Nähe

 Von DANIEL KOTHENSCHULTE
Die erste große Liebe: Alex (Ines Efron; r.) und Alvaro (Martin Piroyansky).  Foto: dpa

Ein meisterhaftes Debüt: Der ungewöhnliche Liebesfilm "XXY" über einen jungen Hermaphroditen.

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Dieser kleine Film ruft nicht unbedingt nach einer großen Leinwand. Es ist die Geschichte einer Erwachsenwerdung an der kargen Küste Uruguays, ein fast farbloser Sommerfilm. Meist weht ein rauer Wind darin, so dass man sich nicht wundert über eine leichte Gänsehaut. Dass es in Kinos jedoch zumeist warm ist, vergisst man schnell: Gänsehaut bekommt man dort aus anderen Gründen. Sie befallen einen, weil eine seltene Nähe entsteht. Man sagt dann, ein Film gehe einem unter die Haut.

"XXY" ruft nicht danach, aber ich habe ihn auf einer der größten Leinwände gesehen, die man sich nur vorstellen kann, in einem alten Stummfilmkino vom Miami. Jede Sorte Film hatte dieses Kino in neun Jahrzehnten schon gesehen, einen wie diesen jedoch noch nicht. Wie jeder gute Film sieht auch diese argentinisch-spanisch-französische Produktion auf einer großen Leinwand natürlich noch ein Stückchen besser aus. Sie lief zum Abschluss des örtlichen Filmfestivals, und der Saal war voller spanischsprachiger Amerikaner, die sich freuten, ihre Sprache zu hören. Vielleicht wussten sie so wenig wie ich, was sie erwartete.

Dieses Regiedebüt der Argentinierin Lucia Puenza ist die Sorte Film, über die man am besten gar nichts vorher weiß. Nur dann kann man sich ihrer Kunst ganz überlasen, sein Thema selbst anzuschneiden. Und eine Hauptfigur einzuführen, in dem sie zunächst in jeder Szene anders wirkt.

Man nimmt Alex als Frau war und ahnt doch bereits, dass dies das Werk jener Tabletten sein könnte, die sie sich entschlossen hat, nicht mehr zu nehmen. Erst als sie sich in einen Jungen verliebt, und diesen zu dessen Überraschung bei ersten Sex von hinten nimmt, ist die Katze aus dem Sack: Alex ist ein Hermaphrodit. Doch diese Szene ist nicht so drastisch wie sie klingt und auch kein Mittel zum Zweck. Es ist eine großartige Liebesszene, gerade weil der Junge erst einmal gar nicht reagiert und alles mit sich geschehen lässt. Wie viel Wahrheit steckt in dieser Reaktion - wer würde etwas anderes tun, wenn er einmal verliebt ist.

Natürlich stehen beide danach unter Schock. Alex hat in ihrem Freund alles durcheinander gewirbelt und ihn so in ihr Innerstes blicken lassen. Der vorgezeichnete Weg für sie wäre eine Operation, die ihre Zweigeschlechtlichkeit zu einer gesellschaftlich eher akzeptierten Form reduzieren würde.

Die Bedeutung eines solchen Eingriffs beleuchtet der Film - lange bevor das Thema überhaupt zur Sprache kommt - durch eine Vielzahl indirekter Details. Alex' Vater ist Meeresbiologe, der sich mit bedrohten Schildkröten beschäftigt, der des Freundes ist Schönheitschirurg. Beide befassen sich mit dem Leben, der eine, in dem er gefährdete Arten schützt, der andere, in dem er eine existierende Spezies verschönert. Seine wahre Spezialität, sein ganzer Ehrgeiz aber gilt seinem Einsatz bei so genannten Missgeburten. Obwohl die 15-jährigen nur Zaungäste dieser Wirkungsfelder sind, ahnen sie alle Implikationen. So sind sie auf den Konflikt, der ihnen bevorsteht vorbereitet, bevor er mit aller emotionalen Wucht über sie hereinbricht.

Doch dies ist nicht einfach ein Film über das Leben mit einem anomalen Chromosomensatz und ein Plädoyer für die Natürlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit. Zunächst einmal ist es ein Film über eine erste Liebe und die Pubertät. Er führt uns zurück in eine Zeit, die jeder einmal zwischen zwei Identitäten verbracht hat, die ebenso wenig kompatibel erscheinen - die zwischen der kindlichen und der erwachsenen. Und indem ihm dies gelingt, in dem er uns an diesen fast vergessenen Zustand erinnert, in dem wir beides waren, Kinder und Erwachsene, versetzt er uns in die seltene Lage, Alex gleichsam unter die Haut zu blicken.

Die junge Regisseurin erreicht dies durch ein besonderes Interesse am Sensuellen. Manchmal reich dafür die kurze Einstellung wie die einer Eidechse auf nackter Haut. Zugleich aber ist ihr Blick überaus diskret, die Kamera bleibt ruhig und in emotionalen Szenen auf gebotenem Abstand. Es geht um Widersprüche, die eigentlich gar keine sind. Im Kino sind Diskretion und Nähe ebenfalls nur scheinbare Widersprüche, in einem guten Film lösen sie sich auf.

XXY,Regie: Lucie Puenzo,

Argentinien / Frankreich / Spanien 2007, 86 Minuten.

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