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Film: Ehrlichkeit als Mittel der Politik

Aus einer Zeit, da Homosexualität noch eine Straftat war: Gus Van Sants Filmbiographie "Milk".

Sean Penn in der Rolle des homosexuellen US-Politikers Harvey Milk.
Sean Penn in der Rolle des homosexuellen US-Politikers Harvey Milk.
Foto: Verleih

Wer den Filmemacher Gus Van Sant für seine letzten Filme liebt, wird erst einmal enttäuscht sein von "Milk". Mit dem rätselhaften Sog seiner minimalistischen Trilogie über den Tod, bestehend aus den Filmen "Gerry", "Elephant" und "Last Days", hat diese epische Lebensbeschreibung wenig zu tun.

Fast hatte man vergessen, dass Amerikas radikalster Kunstfilmer einmal ein Teil des Hollywood-Mainstreams gewesen war, der im Jahre 2000 Sean Connery in "Forrester - Gefunden!" inszeniert hatte, bevor er sich gleich danach entschloss, fortan mit den kleinen Budgets des Kabelfernsehens auszukommen, um keine Kompromisse mehr einzugehen. Und doch ist auch "Milk" auf seine klare und transparente Art ein kompromissloser Hollywood-Film, einer wie er nur selten entsteht, dann aber oft für die Oscars nominiert wird. Bei der Verleihung am kommenden Sonntag ist "Milk" der aussichtsreichste Bewerber.

Die Geschichte vom mühseligen Aufstieg des ersten bekennenden Homosexuellen, der in der US-Politik ein öffentliches Amt bekleidete, dem Kommunalpolitiker Harvey Milk, ist auf geradezu provokante Weise einfach. Für ein "gay movie" ist er ausgesprochen "straight": Erzählt in einer langen Rückblende, beginnt der Film mit dem 48-jährigen Amtsträger im Stadtrat, dem "Bürgermeister des Castro-Distrikts", der sein Leben auf Tonband spricht. Ohne einen bestimmten Verdacht ist ihm doch die Möglichkeit, Opfer eines Attentats zu werden, stets vor Augen.

Der Film folgt Milks Worten, was auch erklären kann, warum er keine zweite Perspektive auf das Leben eines Mannes werfen muss, der seine Zeitgenossen durch eine schonungslose Offenheit beeindruckte. Und auch, das wird am Ende nicht versteckt, manchmal bedrängte, wenn er ähnliches von seinen Mitstreitern erwartete: Harvey Milk war nicht nur der einflussreichste Bürgerrechtler in einer Zeit, als praktizierte Homosexualität in vielen US-Bundesstaaten noch eine Straftat war. Er propagierte auch das öffentliche Bekenntnis zur sexuellen Identität, das Heraustreten aus den gegenüber Ehefrauen und Arbeitgebern vorgespiegelte Doppelleben.

Gus Van Sant leistet Erstaunliches in der Rekonstruktion des Zeitgeists der frühen siebziger Jahre. Was ihn dabei besonders fasziniert, ist die Abwesenheit eines verordneten Schönheitsideals in den Nachwehen der Hippie-Ära. Auch das berühmte Schwulenviertel von San Francisco war damals noch nicht durch seine Fitness-Center bestimmt, sondern durch das Castro-Kino und ein paar alternative Läden und Bars darum herum.

Harvey Milk eröffnete gleich neben dem noch heute existierenden Filmpalast aus der Stummfilmzeit einen Fotoladen, der ihm bald als Hauptquartier seiner politischen Aktivitäten diente. Van Sant genießt es, in den herrlichen Nebenfiguren eine politische Kultur zu feiern, die sich noch durch Nonkonformität definierte. Auch im äußerlichen Auftritt. Van Sant zeigt eine Ära, die ihren Stil auf sehr angenehme Art noch nicht gefunden hatte.

Der Gegensatz zur Gegenwart, in der sich jede politische Bewegung am besten durch Manager-Typen repräsentiert sieht, könnte nicht größer sein. Und auch der Aufstieg eines Übervierzigjährigen in der Politik ausgerechnet in einer Zeit, die man heute oft fälschlich mit radikalem Jugendkult gleichsetzt, ist eine schöne Revision des Geschichtsbilds. Van Sants Film erinnert an eine politische Ära, die Inhaltlichkeit und Persönlichkeit höher bewertete als Talkshow-Präsenz.

Eine solche Politikerfigur porträtiert Van Sant in Milks Gegenspieler im Stadtrat, dem smarten Anzugträger Dan White (Josh Brolin), der Milk 1978 aus Homophobie und Eifersucht ermorden sollte - und, wie es der Film mit Milks Worten andeutet, möglicherweise selbst vom "anderen Ufer" war.

Es gibt nur eine Möglichkeit, einen solchen Biographiefilm derart glaubwürdig und mitreißend zu erzählen: mit dem richtigen Hauptdarsteller. Sean Penn trägt diesen Film nahezu auf den eigenen Schultern, indem er eine gänzlich andere Leinwandpersona generiert, als sie seine letzten Filmrollen zeigten. Statt eines verschlossenen, grüblerischen oder bedrückten Mannes gibt Penn das Bild eines Menschen, der sich öffnet, ohne sich dabei gänzlich zu veräußerlichen. Hier ist nicht einfach ein Mann, der für jeden ein Lächeln übrig hat. Penn ähnelt in seiner Rolle frappierend den überlieferten Fernsehbildern von Harvey Milk: Was diesen Mann befähigte, so viele Menschen zum Bekenntnis zur eigenen sexuellen Identität zu bringen, war die eigene, kompromisslose Offenheit. Und auch im Kino bedeutet so viel Geradlinigkeit einen ganz eigenen Mut.

Milk, Regie: Gus Van Sant, USA 2008, 128 Minuten.

Autor:  DANIEL KOTHENSCHULTE
Datum:  19 | 2 | 2009
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