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Film: In der Fremde verloren

Von der Zurückeroberung der Welt: Jean-Pierre und Luc Dardennes "Lornas Schweigen".

Fast könnte man glauben, die wunderbare Arta Dobroshi dürfe als Lorna den Spielraum ihrer Figur selbst bestimmen.
Fast könnte man glauben, die wunderbare Arta Dobroshi dürfe als Lorna den Spielraum ihrer Figur selbst bestimmen.
Foto: Piffl Medien

Gebannt schaut die junge Frau auf das Geld in der stählernen Wanne, die den Übergang zwischen Einzahlerin und Bank markiert, zwischen süßem Leben und eisernem Sparen. Die Kleidung funktional, die schwarzen Haare kurz, das Lächeln sparsam: von Lorna, der Hauptfigur der Filmemacher und Gebrüder Dardennes in "Lornas Schweigen", geht schon in der ersten Einstellung angespannte Selbstbeherrschung aus. Bald werde sie Belgierin sein, sagt Lorna zu der Kassiererin. Wenige Worte und Gesten scheinen auszureichen, um sich ein Bild zu machen. Lorna kommt nicht aus Belgien, wo die vielfach preisgekrönten Filme der Dardennes entstehen, aber sie will bleiben und sich etwas aufbauen.

In ihrer Wohnung wird sie von einem jungen Mann empfangen, dessen schmutzig blonde Haare so zerzaust sind wie sein Selbstwertgefühl. Sein Name ist Ausdruck ihrer Verachtung. "No, Claudy", sagt Lorna, wenn Claudy auch nur atmet. Sie wolle ins Bett gehen. Ob er komme? Das Bild der Einwanderin in ordentlichen Verhältnissen zerfällt vor unseren Augen. Claudy ist Lornas Mann. Ihr Schlafzimmer darf er nur betreten, um unter ihrer Matratze seine Schaumgummiunterlage hervorzuziehen. Claudy ist ein Junkie, der von Fabio, einem mafiosen Mittelsmann, Geld für die Scheinehe mit Lorna bekommen hat. Wie Fabio stammt Lorna aus Albanien, wie Fabio ist sie zu allem bereit, um sich und ihrem Geliebten Sokol das Aufenthaltsrecht und eine Imbissbude in Lüttich zu erkaufen. Zu allem? Das Bild in unserem Inneren flackert erneut.

An der Kamera liegt es nicht, dass wir nicht zur Ruhe, zum Urteil, zum Vorurteil kommen. Anders als in früheren Filmen der Dardennes ist Alain Marcoens Kamera diesmal kein kenterndes Boot, das den Blick des Betrachters mit in die Tiefe reißt. Mit der Kameraführung für "Rosetta", einem Film, der den Dardennes in Cannes 1999 die Goldene Palme eintrug, hat Marcoen viel zur Signatur eines lange Zeit als typisch geltenden Dardennes-Film beigetragen. Die Fabrikarbeiterin Rosetta, die sich zu Beginn des gleichnamigen Films weigert, ihre Entlassung zu akzeptieren, ist mit dieser rasenden Handkamera untrennbar verbunden. Die Kamera schien damals weniger eine technische Apparatur zu sein, als eine nervöse Energie, die das zornige junge Mädchen hinter sich her zog wie ein Komet seinen Schweif. Die Aufnahmen, die so entstanden, glichen Bildfunken, die über die Leinwand stieben und Löcher in die Handlung brannten. "Rosetta" griff die "Authentizität" des Dokudramas auf und hielt dennoch an den Grenzen der Realität fest.

Von solch experimentellen Hinweisen auf die Lückenhaftigkeit jedes Erzählens ist "Lornas Schweigen" weit entfernt. Fast könnte man glauben, die wunderbare Arta Dobroshi dürfe als Lorna den Spielraum ihrer Figur selbst bestimmen. Doch die distanziertere Haltung der Kamera in "Lornas Schweigen" ist ebenso unkonventionell wie die unberechenbare Nähe in den vorangegangen Filmen. Aus der Perspektive des zum Stillhalten verdammten Beobachters wird umso deutlicher, wie Lorna von den Männern, die ihr Leben bestimmen, eingeengt wird. Einmal stehen sie um sie herum und machen ihr Gefängnis als Präsenz von Willkür und Skrupellosigkeit körperlich sichtbar. Trotz ihrer Einwilligung in einen modernen Teufelspakt, wird Lorna von ihrem Gewissen geplagt. Sie hat sich bemüht, den ahnungslosen Claudy zu retten. Nun ist er tot, umgebracht von Fabio, der Lorna als belgische Witwe weiterverkaufen kann.

Ihr Abnehmer, ein reicher Russe, der sich über die Scheinehe mit Lorna ihre neue Staatsangehörigkeit sichern will, hat seinen Dolmetscher mitgebracht. Die Männer sprechen über Lorna hinweg, als sei sie Teil der giftgrünen Plastikmöbel. Natürlich könne man sie zum Arzt bringen, um sicherzustellen, dass sie nicht schwanger ist. Natürlich werde man sie zum Schwangerschaftsabbruch veranlassen, sollte Lorna doch schwanger sein, auch noch von Claudy, dem Abgehakten. Lorna hat sich zur Ware gemacht. Ihr Versuch, wieder Mensch zu werden, muss den Bereich des Physischen zurückerobern, den die Papier- und Existenzhändler für sich vorbehalten. Ist sie wirklich schwanger? Oder muss sie sich selbst erneut zur Welt bringen?

Lornas Schweigen wandelt sich von der Komplizenschaft zur Selbstverteidigung. Erst wenn sie sich von ihren gefährlichen Geschäftspartnern freigemacht hat, erst wenn sie nichts mehr hat außer ihrem Wahn, ihrer Schuld und ihrer Hoffnung, setzt Musik ein. Am Ende wandeln sich die Figuren der Dardennes immer. Wozu bleibt diesmal offen.

Lornas Schweigen, Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne, Belgien/Frankreich/Italien 2008, 109 Minuten.

Autor:  HEIKE KÜHN
Datum:  9 | 10 | 2008
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