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Film

07. Mai 2014

Film Mario Adorf „Der letzte Mentsch“: Menahem Teitelbaums Reise

 Von Kerstin Krupp
Umgehauen: Mario Adorf.

Im Film „Der letzte Mentsch“ spielt Mario Adorf einen greisen Juden, der als Einziger seiner Familie den Mord an den Juden überlebte. Nicht darüber zu sprechen, war seine Überlebensstrategie.

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Allein dieses Minenspiel. Die Furchen und Zeichen, die sich in acht Lebensjahrzehnten in Mario Adorfs Gesicht gegraben haben, sprechen Bände. Worte sind überflüssig.

Da gibt es diese Szene gegen Ende des Films „Der letzte Mentsch“, in welcher der von Adorf gespielte Marcus Schwartz vor einer Kamera über seine Erlebnisse im Holocaust sprechen soll. Als Kind in Ungarn, als er noch Menahem Teitelbaum hieß, hat er als Einziger seiner Familie den Mord an den Juden überlebt. Nie hat er darüber gesprochen, wollte alles vergessen. Das war seine Überlebensstrategie.

Jetzt, an seinem Lebensende, scheint er bereit für die Konfrontation mit der Vergangenheit. Oder doch nicht? Sekundenlang – gefühlte Stunden – arbeitet die Mimik, bringt das Gesicht in Bewegung wie heftige Erdstöße eine Landschaft. Ein Satz scheint sich zu formen, den Weg aus dem Körper zu suchen. Vergeblich. Der alte Mann kämpft. Sein Mund öffnet sich, zögert – und schließt sich doch wieder im nächsten Moment ohne Laut. Die Worte sind eingesperrt. Sie haben sich tief in Marcus Schwartz’ Seele festgekrallt. Das alles erzählt Mario Adorfs Gesicht. Große Kunst.

Aber zur Geschichte. Marcus Schwartz wird auf der Beerdigung eines Bekannten klar, dass auch sein Ende nicht mehr fern ist. „Ich habe alles schon geregelt, vor Jahren“, erzählt ihm ungefragt der Trauergast neben ihm in der Bank. Schwartz kommt ins Grübeln. Wie will er beerdigt werden? Und wo? Ganz klar, der jüdische Friedhof soll es sein. Also fragt er dort nach dem Preis eines Grabes – und muss dabei feststellen, dass er, der ein Leben lang sein Jüdischsein verschwiegen hat, nun Schwierigkeiten hat, eben dieses zu beweisen.

Worte sind überflüssig: Mario Adorf und Katharina Derr.

In der Synagoge möchte er sich bestätigen lassen, dass er Jude ist. Geboren im ungarischen Vàc. Doch der junge Rabbi hebt lediglich die Hände. „Ich kann Ihnen nicht helfen“, ist ein Satz, den Schwartz nicht zum letzten Mal hören wird. Aber er sei doch im Lager gewesen, sagt er. Das waren viele. Und die tätowierte Häftlingsnummer? Die haben sich am Ende des Krieges auch SS-Leute in die Haut geritzt, um davonzukommen. Es hilft nichts, der Alte braucht Papiere. Geburtsurkunde, Ehevertrag der Eltern oder Nachweise, dass die Mutter Jüdin war. Doch was für andere zum selbstverständlichen Besitz gehört, ist für Schwartz im Krieg für immer verloren gegangen, verbrannt, verschwunden. Zeugen? Familie? Nein? Aber einen Juden ohne Familie? Das gibt es nicht. Das sind die letzten Worte des Rabbis.

Schwartz könnte nun aufgeben, so weiter machen wie bisher und sich davon zu überzeugen, dass nichts passiert ist, wo doch alles passiert ist. Aber am Ende dieses Lebens im selbst gewählten Niemandsland will er nur noch eins: seine Identität zurück. So folgt Schwartz dem Rat des Rabbi und macht sich auf nach Ungarn, in seine Geburtsstadt Vàc, auf die Suche nach Menahem Teitelbaum.

Vorhersehbar, aber glänzend gespielt: Derr und Adorf.  Foto: Felix von Mutalt

Doch wie soll er dorthin kommen? Seit der Deportation als Kind weigert sich Schwartz, in einem Zug zu reisen. Auto fährt er nicht. Also bietet er einem jungen Mädchen aus der Nachbarschaft, das er zufällig trifft, 500 Euro für die Fahrt. Gül, so heißt die junge Frau (Katharina Derr), kommt das gelegen. Sie braucht Geld und hat sowieso nichts Besseres vor. Es ist die Reise zweier sehr unterschiedlicher Charaktere in eine ungewisse Zukunft in einem vorhersehbaren Roadmovie. Auf der einen Seite die kratzbürstige Deutsch-Türkin, die ausriss, als die Eltern sie verheiraten wollten, und sich nun in eine selbstbewusste junge Frau und Freundin für Schwartz verwandelt. Auf der anderen Seite der gebildete, alte Jude, der sich langsam der Vergangenheit öffnet. Und dennoch gelingt es dem Film immer wieder, vor allem dank seiner Darsteller, den Zuschauer zu fesseln – oder ein lautes Lachen zu entlocken. Der Geschichte berührt und bleibt lange im Kopf. Das ist seine Stärke.

Der Film blickt nicht zurück. Er schaut nach vorn. Und fragt, was passiert, wenn keiner mehr da ist, der das Geschehene noch bezeugen kann, wenn es kein lebendiges Erinnern mehr gibt. Von Schwartz’ Geburtshaus in Vàc steht nur noch die Fassade. Eine Kulisse, wie das Leben von Schwartz. Da trifft der Alte eine Entscheidung, seine letzte. Er ist am Ende seiner Flucht.

Der letzte Mentsch. Regie: Pierre Henry Salfati. D/F/Schweiz 2014. 93 Min.

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