"Weniger Glamour, mehr Qualität!" Noch vor einem Jahr wäre Venedigs Filmfest-Chef Marco Müller bei den italienischen Medien mit einem solchen Statement unten durch gewesen, doch die Zeiten ändern sich rasant im Festivalzirkus. Erstens wird der Filmexperte, der eine erfolgreiche Produzentenkarriere aussetzte, kaum noch eine weitere Amtszeit zur Verfügung stehen und kann jetzt sagen, was er denkt.
Zweitens backt das Konkurrenz-Festival in Rom nach dem Abzug mehrerer Sponsoren nur noch recht kleine Panini. Allzu sehr hatte man sich mit den kostspieligen Starauftritten identifizieren lassen, so dass in der Außenwirkung ein merkwürdiger Provinzialismus übrig blieb. Denn die internationale Filmkritik bevorzugt ohnehin die Hintertür gegenüber roten Teppichen.
Und drittens ist Müller sowieso ein Schelm, der sich erst einmal mit Einladungen an George Clooney und Brad Pitt (der selten alleine irgendwohin geht) eine gewisse Glamour-Grundversorgung gesichert hat. Wer Müller also noch immer beim Wort nehmen möchte, darf bei immerhin einigem Glamour wohl noch mehr Qualität erwarten.
Brad Pitt spielt die Hauptrolle im neuen Film der Coen-Brüder, der heute Abend die 65. Ausgabe der Filmfestspiele von Venedig eröffnen wird: "Burn After Reading". Wie der Titel nahe legt, geht es um brennende Geheimnisse, genauer gesagt um die Memoiren eines CIA-Mitarbeiters. Auch wenn derartige Dossiers im wahren Leben kaum angefertigt werden dürften, findet Pitt als einfach besaiteter Hobbysportler doch ein solch seltenes Stück.
Geheimagent John Malkovich hat es im wahrsten Wortsinn in einem Fitness-Center verschwitzt und macht sich so erpressbar. Derart stolz war Marco Müller auf den neuen Streich der beiden diesjährigen Oscar-Gewinner, dass er die Nachricht schon während der Festspiele von Cannes verbreiten ließ. Dabei waren die Regisseure einfach nicht rechtzeitig zum französischen Festival fertig geworden.
Wim Wenders leitet die internationale Jury des Wettbewerbs, er war auch der letzte Deutsche, der vor vier Jahren mit "Land of Plenty" einen Film dort hatte. Jetzt ist der Berliner Christian Petzold dabei mit "Jerichow". Er zeigt eine Dreiecksgeschichte mit Nina Hoss, die zwischen einem türkischen und einem deutschen Mann steht und dabei mehr als ein einziges Geheimnis hütet.
Wie immer auch Petzolds neuerliche Behandlung des ewigen Spagats zwischen Leidenschaft und innerer Sicherheit geworden ist, die Festspiel-Konkurrenz wird groß sein. Takeshi Kitano, Barbet Schroeder, Werner Schroeter und Jonathan Demme haben Filme im Wettbewerb, und - als lang erwartetes Comeback - auch eine der wichtigsten US-amerikanischen Regisseurinnen des späten 20. Jahrhunderts, Kathryn Bigelow.
Lange vor einem David Fincher führten ihre finsteren Thriller wie "Point Break" in die neu eröffneten Fight Clubs einer nur scheinbar gezähmten Wohlstandsgesellschaft. "In einer Zeit, in der Armeen nicht mehr aus Zwangsrekruten, sondern aus Freiwilligen bestehen, wird das Schlachtfeld wieder zur Attraktion, wenn nicht gar zur Sucht", heißt es in der provokanten Ankündigung ihres Irak-Kriegsfilms "The Hurt Locker". Bigelow porträtiert eine Spezialeinheit, die während der Gefechte Bomben entschärft.
Kommerziell bewegt sich solch ein Hollywoodfilm auf dünnem Eis. Kein einziger der in rascher Folge erschienenen Filme zum aktuellen Krieg war ein Erfolg, das Thema ist bereits wieder so unpopulär, dass es selbst im Obama-Wahlkampf nur noch eine Nebenrolle spielt. Aber genau das ist natürlich der Augenblick des Kinos und der Öffentlichkeit, die ein Filmfestival bereiten kann - auch abseits der roten Teppiche.