Eignen sich Vergewaltigungen zum Spielfilmthema? Warum nicht. Kein Sujet kann der Kunst tabu sein. Und die Filmgeschichte ist ohnehin nicht gerade dafür bekannt, Tabus sonderlich in Ehren zu alten. 1960 mochten die expliziten Darstellungen in Ingmar Bergmans Film "Die Jungfrauenquelle" noch bei vielen Kritikern auf Vorbehalte stoßen.
Heute sind sie nahezu verstummt. Beklagte jemand 1999 die schonungslose Vergewaltigungsszene im US-Independent-Film "Boys Don't Cry"? Ganz im Gegenteil: Man hob zu Recht die Angemessenheit der Darstellung hervor, die dem Welterfolg dieses verstörenden Films nicht im Wege stand.
Anonyma - eine Frau in Berlin, Regie und Buch: Max Färberböck, Deutschland 2008, 131 Minuten.
Max Färberböcks Film "Anonyma - eine Frau in Berlin" will nicht verstören. Der Regisseur und Drehbuchautor hat den Tatsachenbericht der unbekannten Berlinerin verfilmt, der bei seiner deutschen Erstveröffentlichung 1959 gänzlich wirkungslos geblieben war und erst durch Enzensbergers Reprint 2003 eine breite Öffentlichkeit fand. Die Autorin mochte durch ihre Aufzeichnungen das Leid zu einem Grad auf Distanz gehalten haben. Der Film hält es den Zuschauern weit gründlicher vom Leib.
Bevor man noch hinsehen kann, blickt die Kamera des berühmten Benedikt Neuenfels schon weg. In malerisches Halbdunkel taucht er die Kulisse jenes Berliner Hauses, in das sich die Chronistin der letzten Kriegstage geflüchtet hat und das nun Angehörige der Roten Armee in ein Bordell verwandeln.
Dunkelheit kann im Kino Erstaunliches leisten, wenn sie die Vorstellungskraft anspricht, gerade was das Grausame betrifft. Hier aber wird nur verdeckt, verschleiert, ja verschämt ästhetisiert. Wenn der dürftige Kulissenbau dann noch etwas nach Visconti aussieht - umso besser.
Was die Schreie der vergewaltigten Frauen betrifft, ist davon auch nicht viel zu hören. Hier glättet die Filmmusik eines weiteren, ansonsten untadeligen, Meisters voreilig alle Wunden: Zbigniew Preisner. Vielleicht träumten Max Färberböck und Produzent Günter Rohrbach von einem Film, der es wenigstens akustisch mit Roman Polanskis Meisterwerk "Der Pianist" aufnehmen könnte; vielleicht wollten sie auch nur etwas, das so ähnlich klingt.
Jedenfalls hat Preisner ein Klavierkonzert geschrieben, das auf Tastenanschlag harmonisiert, was um Gottes Willen niemanden verstören darf. Und wenn es dann doch noch etwas zu überdecken gibt, wird eben aus dem Buch vorgelesen. Der distanzierende Ton der stilistisch hochbegabten Unbekannten dient diesem Film als Alibi.
"Befremdlich ist", schrieb der Verleger Kurt Marek im Jahre 1954, "dass dieses Buch ohne Hass ist. Aber da, wo alle Empfindungen erfroren, konnte auch kein Hass mehr sein." In der Tat: Empfindungen gestattet sich die Vorlage nicht. Es ist schwer, ein Buch zu verfilmen, das die Gefühlsmaschine Kino zu keinem Zeitpunkt motiviert. Aber Färberböck und Rohrbach haben es gar nicht erst versucht. Im zweiten Filmteil schmücken sie die Begegnung der Protagonistin mit einem russischen Offizier freimütig zur Liebesgeschichte aus. Endlich haben sie etwas gefunden, das sie emotionalisieren können.
Die wahre Anonyma mochte ihr Schicksal leichter verarbeiten, weil sie das Gefühl hatte, "dass ich eine Rechnung beglich". Diese Sicht lässt sich jedoch nicht auf alle Figuren ausdehnen oder gar verallgemeinern. Andere der geschätzten zwei Millionen Frauen, die ähnliches erlitten, nahmen sich das Leben.
Gewiss, ihre Schicksale hätten andere Filme ergeben, die hier nicht zur Debatte stehen. Dieser hier heißt "Anonyma". Aber suggeriert der zum Filmtitel erhobene Platzhalter nicht bewusst Allgemeingültigkeit?
Wenn das emotionale Erzählkino etwas suggerieren kann, dann ein Gefühl für Leid. Bedeutende Filme über Kriegsverbrechen gewinnen darin manchmal sogar Denkmalcharakter. Doch dazu lassen sich Färberböck und Rohrbach nicht herab. Da ihnen jede Möglichkeit fehlt, die Vergewaltigungen angemessen darzustellen, wägen sie lieber ab. Aber kein Verbrechen sühnt ein anderes, und Vergewaltigungen in einem Krieg schon gar nicht.
Die weibliche Hausgemeinschaft im Film flüchtet sich in Zynismus aus Selbstschutz. Das lindert ihren Schmerz ebenso wie herzliche Vodka-Gelage. Aber sollte denn niemand ernsthaft gelitten haben? Die Schilderung eines Wehrmachtsverbrechens wird als Motivation der kollektiven Vergeltung in die Waagschale geworfen. Und schließlich wird die kollektive Vergewaltigungserfahrung sogar ausgeblendet, weil sie sich für die Protagonistin in eine Liebesbeziehung verwandelt hat.
Anonyma verbringt eine letzte, aus freien Stücken zelebrierte Liebesnacht mit dem Russen Andrej. Auch hier wird gleich abgeblendet wie bei den Vergewaltigungen.
Wenn es überhaupt eine Vermittlungsleistung gibt zwischen dem sachlichen Text und der übergestülpten Emotionalität, so liegt sie allein auf den Schultern der Hauptdarstellerin. Nina Hoss leistet das Menschenmögliche in diesem Dilemma durch zurückhaltende Sprache und Mimik. Die Filmemacher versagen sich dagegen jede klärende Distanz. Verstörend ist hier allein das Marketing.
Einen Zusammenschnitt des Filmtons verkauft der Eichborn-Lido-Verlag bereits als "Hörbuch". Kein Wort darüber, dass das werbende Spiegel-Zitat dazu allein der Buchvorlage galt: "Ein menschlich berührendes und literarisch gewichtiges Dokument aus den letzten Tagen des Krieges".