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Filmbesprechung "Shotgun Stories": Der Stillstand der Dinge

Jeff Nichols' wunderbarer Independent-Film "Shotgun Stories" inszeniert Gewalt jenseits der Leinwand. Doch er steht auch für eine Krise des amerikanischen Independent-Kinos. Von Daniel Kothenschulte ( mit Video)

Douglas Ligo und  Barlow Jacobs in Shotgun.
Douglas Ligo und Barlow Jacobs in Shotgun.
Foto: Fugu Filmverleih

Falls es überhaupt einen geeigneten Aufbewahrungsort für Schusswaffen geben sollte: Drehbücher sind es normalerweise nicht. Schon manches stimmungsvolle Erstlingswerk verlor seinen Charme mit der Räuberpistole im letzten Akt. Und selbst im biedersten Fernsehfilm aus der deutschen Provinz stehen die Chancen nicht schlecht, dass am Ende doch noch jemand gewaltsam stirbt.

Keine Regel ohne Ausnahme: Der amerikanische Independent-Film "Shotgun Stories" rückt das Problem gleich in den Titel. Man fühlt sich in die frühen neunziger Jahre versetzt, als der Einfuss Quentin Tarantinos derart groß war, dass man schon von einem eigenen Genre sprach, dem "kids and guns movie". Und doch könnte der Erstlingsfilm des 1978 geborenen Regisseurs Jeff Nichols entfernter davon nicht sein.

In seiner Geschichte vom Einbruch der Gewalt in eine schwelende Familienfehde in einer Kleinstadt im Mittleren Westen sind die Schüsse nicht zu hören. Drei Brüder stehen im Mittelpunkt, die ihr einfallsloser Trunkenbold und Vater "Son", "Kid" und "Boy" getauft hat. Nur um seine Familie zu verlassen und mit einer anderen Frau ein neues, alkoholfreies Leben zu beginnen.

Mit der Nachricht seines Todes kommt die Geschichte in Gang, und die Art, wie die erwachsenen Brüder von ihrer Mutter davon erfahren, schlägt die Tonart des ganzen weiteren Filmes an: "Wo ist denn die Beerdigung", fragt "Son". "Das kannst Du in der Zeitung lesen", antwortet die Mutter. "Gehst du hin?" - "Nein." Son aber geht trotzdem zu der tristen Feier und spuckt dem verhassten Vater ins offene Grab. So entspinnt sich, zwischen den Brüdern und den Söhnen ihres Vaters aus zweiter Ehe der Anfang zu einer Blutfehde. Ein Hund ist das erste Opfer.

Doch Jeff Nichols hat nicht vor, die sich daraus entspinnende Action überhaupt zu inszenieren, er interessiert sich für die Spannung, die man spürt, wenn nichts geschieht. Er findet sie in den angespannten Gesichtern der wunderbaren Darsteller, insbesondere des einzigen Stars in diesem Film, Michael Shannon als Son. Und in den leeren Räumen, die sie umgeben.

Seit Peter Bogdanovich in seinem Melodram "Die letzte Vorstellung" bewies, dass man amerikanische Provinzflecken auch noch in der Moderne aussehen lassen kann wie Westernstädte, steht diese Tür zur Filmgeschichte offen. Wim Wenders hat einige seiner besten Filme aus diesem irritierenden Effekt geschaffen, der alles erzählt über den quälenden Stillstand jenseits der Metropolen. Hier steckt soviel latente Gewalt allein in der lieblosen Architektur zwischen der Main Street und den ärmlichen Trailer Homes, dass es reicht, die eigentliche Handlung nur zu erahnen.

Immer wieder aber bricht auch eine andere Filmerinnerung in diese tiefschwarze Szenerie: Dann nimmt Nichols vorrübergehend die Spannung heraus aus diesem Stillstand und schwelgt ein wenig in der Lust der Leere: dem Abhängen. Dann erinnert sein Film an die "Slacker Movies" von Jim Jarmusch und Richard Linklater. Es sind winzige Pausen innerhalb des Dramas, doch sie verhindern, dass man die archaische Dramatik von "Shotgun Stories" für antiquiert hielte in ihrem sonst ungebrochenen Ernst.

Dieser ausgezeichnete Film steht aber leider auch für eine Krise, in die das amerikanische Independent-Kino unverschuldet geraten ist. Wie fast überall auf der Welt boomt auch in den Art-House-Kinos der USA derzeit das Feelgood-Movie.

In einem Land ohne staatliche Filmförderung sind die meisten unabhängig produzierten Filme stark defizitär, und die Verleihstrukturen brechen weg. Erst nach etlichen Festivalpreisen wurde dieser herausragende Film in seiner Heimat überhaupt von einem Verleih ins Programm genommen. Noch seltener erreicht ein solches Werk dann noch den deutschen Kinomarkt.

Wieviel aber kann man aus ihm lernen: Wenn die drei Brüder am Ende mit Gewehren, von denen sie kaum wissen, wie man sie bedient, hinter dem Wohnzimmerfenster stehen und auf einen möglichen "shootout" warten, dann ist das Bild gerahmt wie bei John Ford - stünden nicht ein paar rührend lächerliche Deko-Teller auf dem Fenstersims. Ihr blaugefärbtes Glas setzt einen eigentümlichen Farbklecks in der Düsternis. Es ist das einzige Dekor in diesem schnörkellosen Film.

"Shotgun Stories", Regie Jeff Nichols, USA 2007, 92 Minuten.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  7 | 10 | 2009
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