Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Film

21. Oktober 2009

Filmbesprechung "Wendy und Lucy": Vogelfrei

 Von Daniel Kothenschulte
Michelle Williams als Wendy im Kinofilm "Wendy und Lucy".  Foto: dpa

"Wendy und Lucy", der jüngste Film der amerikanischen Independent-Filmerin Kelly Reichardt, ist zweifellos ein Spielfilm. und dennoch ist jedes Bild darin wahr. Von Daniel Kothenschulte

Drucken per Mail

In der glücklichsten Zeit des Kinos waren Wahrheit und Erfindung oft ein und dasselbe. In ihren gleichnamigen Stummfilm-Auftritten weckten Nanook,der Eskimo und Nosferatu, der Blutsauger, das gleiche Staunen. Auch wenn der erste in Robert Flahertys ethnographischer Erzählung ein lebender Zeitgenosse war und der zweite in Murnaus "Sinfonie des Grauens" ein Produkt der Phantasie.

Viele Genregrenzen sind seither gezogen worden, die meisten davon allein für die Besserwisser und Pedanten. Der wahre Filmfreund reitet über sie hinweg. Besonders wenig Respekt verdient die vermeintlich bestens bewachte Grenzlinie zwischen Dokumentar- und Spielfilm. Denkt man nur darüber nach, dass jeder gute Dokumentarfilm zugleich ein Kunstwerk ist, ist sie auch schon obsolet.

"Wendy und Lucy", der jüngste Film der amerikanischen Independent-Filmerin Kelly Reichardt, ist zweifellos ein Spielfilm, doch jedes Bild darin ist wahr. Anders als jeder zweite unabhängige Film, der in den USA entsteht, handelt er nur sehr entfernt davon, wie das weite Land durch ein Autofenster aussieht. Ein "Road Movie" ist die Odyssee einer jungen Arbeitslosen auf dem Weg zu einem Fabrikjob in Alaska wirklich nicht. Über die Herkunft der Protagonistin wird man so wenig erfahren wie über ihre Aussichten, den Job zu bekommen. Nicht vom Finden erzählt der Film, sondern vom Verlieren, auch wenn dies in materieller Hinsicht kaum noch möglich scheint.

Irgendwo in Oregon stößt die fast wortlose Filmerzählung auf ihre Protagonistin. Mit einem maroden Auto ist sie gestrandet, die Qual des Stillstands steigert ihre innere Unruhe. In einem Heft hat sie ordentlich die bescheidenen Summen notiert, die sie sich von Verwandten für den Trip gepumpt hat, das meiste davon für das Futter ihres mitgereisten Freundes, eines Golden Retriever.

In bester amerikanischer Kinotradition weiß der Film nicht mehr als seine Zuschauer - doch anders als es populäre Drehbuchlehrer predigen, bleiben psychologische Erklärungen aus. Dass man Wendy trotzdem sofort zu kennen glaubt, hat vor allem mit ihrer Darstellerin zu tun. Michelle Williams, bekannt durch ihre Oscar-nominierte Nebenrolle in "Brokeback Mountain", spielt diese Verlorene ungeschönt natürlich und mit brüchiger Konzentriertheit.

Ohne die Anstrengungen des method acting legt sie einen Schatten auf diese Figur: Was immer sie bewogen hat, die innerhalb der Landesgrenzen denkbar weiteste Entfernung zu suchen: ein gravierender Grund wird es schon sein. Nun aber hängt sie fest in einer Kleinstadt in Oregon, die Kameramann Sam Levy mit viel Gefühl auf die obskure Ästhetik ihrer Zweckbauten hin inszeniert; ähnlich der Fotokunst eines Lewis Baltz.

Von einem überaufmerksamen Supermarkt-Angestellten beim Diebstahl von drei Dosen Hundefutter ertappt, verbringt sie einen endlosen Tag in Polizeigewahrsam. Als sie zum Laden zurückkommt, fehlt vom Hund jede Spur. Und mit ihm das, was die junge Frau noch innerlich zusammengehalten haben mag.

Das Ähnlichste, das es zu diesem Film über die Härte des Alleinseins gibt, ist "Vogelfrei", das französische Meisterwerk von Agnès Varda. Auch an die Brüder Dardenne mag man wegen der Lebendigkeit der Darstellung denken, doch da ist sogar etwas, das Kelly Reichardts Regie den Belgiern voraus hat: der Verzicht auf jede äußere Dramatik.

Die Vollkommenheit dieses Films ist weder kalkuliert noch eingepaukt. Es ist die Stimmigkeit von Lyrik. Wie von selbst setzen sich ihre diskreten Bilder zueinander in Beziehung und schließlich unter die Haut. Um Realismus geht es dabei jedoch nur nachrangig. Auch wenn man lange suchen muss, um ein stärkeres Bild für das gegenwärtige Gesicht der Armut zu finden als das einer Schlange von Pfandsammlern vor einem kaputten Rückgabe-Automaten.

Wendy und Lucy. USA 2008. Regie: Kelly Reichardt. 80 Min.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Für welche Filme lohnt sich der Weg in Kino? Lesen Sie die Rezensionen der FR-Filmkritiker und sehen Sie die aktuellen Trailer.

Service
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:

Anzeige

Filmtipps
Medien