Im 19. Jahrhundert ließ sich mit dem Ausruf "Das ist doch keine Kunst!" vielleicht noch etwas ausrichten. Schon den Surrealisten war derlei Empörung hingegen Musik in den Ohren: Mit Marcel Duchamps Urinal trat die Antikunst ihren Siegeszug durch die Museen an und drehte dem braven Bürger sein Urteil einfach im Mund herum. Es war eine Revolution, und manchmal kam sie, wie im Fall der naiven Malerin Séraphine Louis, barfuß und auf leisen Sohlen.
Am Anfang von Martin Provosts filmischer Biografie "Séraphine" sehen wir eine resolute Frau durch Wald und Wiesen streifen. Sie riecht, atmet und schmeckt die Natur um sich herum, bevor sie wieder Fußböden scheuert oder die Wäsche ihrer Nachbarn wäscht.
Séraphine ist damals nicht ganz fünfzig Jahre alt, eine ungebildete, einzelgängerische und manchmal verwirrte Arbeitskraft, über deren heimliche Berufung uns Provost lang im Unklaren lässt. Jeden Centime steckt die seltsame Erscheinung in weiße Grundfarbe, um sie dann mit geriebenen Blüten, vom Kirchenaltar stibitztem Kerzenwachs oder frischem Rinderblut zu einer leuchtenden Farbpalette zu vermischen. Nachts malt Séraphine Früchte und Blumen auf kleine Holztafeln, in einer naiven Manier, für die wohl mancher moderne Künstler ein Auge oder zumindest einen Arm gegeben hätte.
In einem berühmten Brief wünschte sich der Maler Paul Gauguin das Steckenpferd seiner Kindheit zurück. Er sah die Zukunft der Kunst im Einfachen und Ungekünstelten, in dem, was man nicht lernen kann, sondern was ohne Umwege über das handwerklich gut Gemachte aus einem spricht. Nach Senlis, dem Heimatstädtchen Séraphines, war diese Kunde freilich noch nicht gedrungen. Erst der deutsche Kunsthändler Wilhelm Uhde brachte sie am Vorabend des Ersten Weltkriegs aus Paris in seine Sommerfrische mit.
Variation eines alten Klischees der Künstlerbiografie
Séraphine und Uhde begegnen sich in einem Landhaus, in dem Uhde eine Arbeit über den modernen Primitivismus schreiben will. Er gehört zu den Förderern von Picasso und Braque und hat früh den naiven Zauber in den Bildern des Zöllners Henri Rousseau entdeckt. Einige Jahre war Uhde mit Sonia Terk, der späteren Sonia Delaunay, verheiratet, er ist also, als er nach Senlis fährt, eine Koryphäe in der Hauptstadt der modernen Kunst und als homosexueller deutscher Exilant zugleich ein Außenseiter. Séraphine spürt das sofort, während sich der Gast über seine Haushaltshilfe zunächst nur wundern kann.
Martin Provost variiert in seinem mit sieben Césars ausgezeichneten Film geschickt eines der ältesten Klischees der Künstlerbiografie. Meist gehen Ehen oder Freundschaften in die Brüche, wenn ein sich beständig selbst verzehrendes Genie um Ausdruck ringt, hier geht es, dem Titel zum Trotz, um das schwierige Verhältnis zwischen Händler und Künstler - ein lohnendes, aber in der Kunstgeschichte meist stiefmütterlich behandeltes Sujet.
Provost lässt seine beiden Helden eine ganze Weile nebeneinander her leben, bevor Uhde zufällig ein Gemälde Séraphines in die Hände fällt. So können wir die Distanz ermessen, die sie trennt. Denn natürlich ist es eine Sache, den modernen Primitivismus in Kunstzeitschriften zu verteidigen, und eine ganz andere, ihn täglich zu erleben.
Am malerischen Realismus geschulte Bildausschnitte
Bei aller Faszination für das Naive in der Kunst favorisiert Provost eindeutig die distanzierte Perspektive. "Séraphine" lässt uns weder bei Schaffensräuschen Mäuschen spielen, noch nimmt er seine Titelheldin, die sich von Engeln geleitet glaubt, beim Wort. Im Grunde sehen wir Séraphine mit den Augen Wilhelm Uhdes, eines im Film eher bedächtigen Mannes, der seine Buchstaben so akkurat aufs Papier setzt wie Provosts Kameramann Laurent Brunet die am malerischen Realismus geschulten Bildausschnitte wählt.
Ohne Überzeichnungen kommt auch Ulrich Tukur in der männlichen Hauptrolle aus, während Yolande Moreau ihrer eigensinnigen Figur eine bewegende Selbstverständlichkeit verleiht. So behutsam die Inszenierung ist, so krisenhaft verläuft die Liaison zwischen Künstlerin und Händler. Erst reißt der Erste Weltkrieg Séraphine und Uhde für zehn Jahre auseinander, dann, nach den ersten Erfolgen, bereitet die Weltwirtschaftskrise allen Blütenträumen ein Ende. Es gehört zur Tragik der Hauptfigur, dass ihr der kurzfristige Erfolg zu Kopf steigt und sie in noch größere Verwirrung stürzt. Am Ende bleibt Uhde nichts anderes übrig, als der psychisch Kranken ein Zimmer mit Aussicht zu verschaffen. In der Natur findet sie das Zuhause, das ihr selbst die Kunst nicht bieten kann.
Séraphine, Regie: Martin Provost, Frankreich/Deutschland 2008, 125 Minuten.