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Filmfestival Cannes: Die Prophezeiung

Gesellschaftsbilder aus zwei Epochen: Ang Lees "Taking Woodstock" und "Un Prophète". Von Daniel Kothenschulte

Premiere von Ang Lees Hippie-Komödie Taking Woodstock in Cannes.
Premiere von Ang Lees Hippie-Komödie "Taking Woodstock" in Cannes.
Foto: fr

Ein Mann redet sich in Rage über den Bombenkrieg, den die amerikanische Militärmacht gegen wehrlose Zivilisten in einem unterentwickelten Land führe. "Aber woher wissen wir denn, dass wir nicht auch aus Verdrängung argumentieren gegenüber all den anderen Kriegen, die wir ausblenden, denen in Afrika zum Beispiel?" Was wie eine Debatte von heute klingt, ist eine Szene aus einem fast vergessenen Film von 1967, den das Festival von Cannes nun in restaurierter Fassung präsentierte. "Fern von Vietnam", die Kollektivarbeit von Jean-Luc Godard, Joris Ivens, William Klein, Claude Lelouch, Alain Resnais, Agnès Varda und Chris Marker saß schon bei ihrer Erstaufführung zwischen allen Stühlen.

"Alles was wir jetzt nicht brauchen", schimpfte seinerzeit die New York Times, "sind wütende Klischees". In Frankreich wurde der Film in Bild und Ton zensiert, Lücken, die die Restaurierung bemerkenswerterweise als Leerstellen wahrt. Trotzdem: "Loin de Vietnam" ist wahrscheinlich der nachdenklichste Propagandafilm, der je gedreht wurde. Man staunt nicht nur, wie vorausschauend noch vor der 1968er-Revolte im Kino argumentiert wurde.

In Cannes hat alles seinen Platz

Besonders die Form dieses Essayfilms hält in Atem. Das Autorenkino brauchte keine Signaturen, man bemerkt sofort, wo Chris Marker einen verfremden Schnitt setzte oder welches Kamerabild der Fotograf William Klein beisteuerte. Und in der beschriebenen Szene scheint die attraktive, schweigende Adressatin des Monologs eines wütenden Intellektuellen typisch für den Ästheten Claude Lelouch.

In Cannes hat alles seinen festen Platz. Nicht nur in der Mehrklassengesellschaft der Akkreditierten mit ihren verschiedenfarbigen Schildchen und getrennten Warteschlangen, sondern ganz besonders im Programm: Diese Entdeckung der ständigen Retrospektive "Cannes-Classics" lief unmittelbar vor der Premiere von Ang Lees Hippie-Komödie "Taking Woodstock". Den Zusammenhang muss man freilich selbst aufdecken, denn niemand könnte die kuratorische Raffinesse des Programmchefs Thierry Frémaux im Vorhinein begreifen. Dieser agile Cinephile kommt einem stets einen kleinen Schritt zuvor, wenn er sich auf geheimen Wegen im Festivalpalais den Weg auf die Bühne gebahnt hat. Schnell macht er aus, welcher Prominente sich im Publikum befindet: Ang Lee zum Beispiel sitzt unmittelbar nach der Vorführung seines eigenen Films im restaurierten Klassiker "Die roten Schuhe", den Martin Scorsese hier in Cannes vorführt. Doch zurück zu "Taking Woodstock".

Durch die Hintertür erzählt Ang Lee die Geschichte des legendären Festivals, wobei man von den Musikern auf der Bühne etwa soviel sieht wie die meisten Besucher damals, nämlich gar nichts, nicht mal von den berühmten Songs gibt es außer ein paar entfernten Klängen viel zu hören. Doch was die Hippies von einst nicht sonderlich vermissten, das fehlt einem auch diesmal nicht.

Und so wie sich jene vor allem an der eigenen Gegenwart berauschten, gelingt Lee wieder ein Film, der allein durch seine Figuren unterhält: Nach der Autobiographie von Elliot Tiber erzählt er durch die Augen eines aufgeweckten jungen Mannes von der Gunst einer historischen Stunde: Die schlägt für einen aufgeweckten Designstudenten, als die Veranstalter des Mammutkonzerts plötzlich ohne Genehmigung da stehen. Zufällig hat der junge Mann so ein Papier für ein Kammerkonzert in der elterlichen Scheune angemeldet - und saniert nebenbei das von seiner knauserigen Mutter geleitete Motel, das er zum Festivalzentrum deklariert.

Dass aus dem "Coming of age" (der wahre Elliot war damals bereits 34) auch noch ein Coming out wird, mag Fans des Regisseurs von "Brokeback Mountain" nicht wundern. Tatsächlich aber reagierte das Publikum in Cannes eher gelangweilt auf den höchst elegant inszenierten Film, der vom meinungsbildenden Branchenblatt "Variety" als "inkomplett" verrissen wurde. Dabei sind die Auslassungen gerade der Coup.

Die kann man dem derzeitigen Festivalfavoriten nicht vorwerfen: Der erste französische Wettbewerbsbeitrag, das Gefängnisdrama "Un Prophète", entwirft seinen Schauplatz so detailreich, als verbüßte man selbst eine 150-minütige Haftstrafe unter Schwerstkriminellen. Mit der Logik einer Domino-Kettenreaktion vermittelt der Regisseur Jacques Audiard das Abgleiten eines Inhaftierten ins System der Bandenkriminalität. Gleich zu Beginn zum Mord an einem Zellennachbarn gezwungen, wird ein marokkanisch-stämmiger Analphabet zum willigen Helfer der korsischen Mafia. Seinen Aufstieg meistert der scheinbar devote, innerlich aber höchst zielstrebige junge Mann mühelos.

Das einzige, was diesen epischen Film von Francis Ford Coppolas "Paten" trennt, ist das Fehlen jeglicher künstlerischer Überformung. Es ist der reine Naturalismus. Nicht nur in formaler Hinsicht ist dieser "Prophet" die logische Fortsetzung des letztjährigen Cannes-Gewinners aus Frankreich, "Die Klasse". Als pessimistisches Gesellschaftsporträt ist es geradezu die Einlösung der darin enthaltenen Prophezeiung.

Autor:  DANIEL KOTHENSCHULTE
Datum:  18 | 5 | 2009
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