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Film

15. Mai 2011

Filmfestival Cannes: Sirenen mit scharfen Zähnen

 Von Anke Westphal
Johnny Depp und Penélope Cruz auf der Suche nach dem sagenhaften Jungbrunnen – der vierte Teil der Abenteuer von Captain Jack Sparrow wurde in 3D gedreht und hat immerhin eine Geschichte.  Foto: dapd

„Pirates of the Caribbean“ geht in Cannes in die nächste Runde. Wichtiger ist sicherlich der Film "Bé omid é didar" des iranischen Dissidenten Mahammad Rasoulof, der aus dem Iran geschmuggelt werden musste.

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In den Geschäften von Cannes hat der neue Eventfilm aus Hollywood längst Einzug gehalten. Eine Box mit vier Nagellacken widmet die Kosmetikfirma O.P.I. dem vierten Kinoabenteuer um den Piraten Jack Sparrow: abschattiertes Silber, schmuddelig schimmerndes Grün, Blau, Pink. „Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten“ ist schließlich in 3D; bei dieser Technik wirken die Farbwerte immer leicht unrein.

Wir haben am Samstag bei der Festivalpremiere im Grand Théâtre Lumière sehr genau hingesehen, aber Johnny Depp scheint auf das Angebot von O.P.I. nicht zurückgegriffen zu haben. Captain Sparrows Nägel waren einfach nur dreckig. Immerhin hat er seine Augen wie gewohnt dick schwarz umrandet – warum ist noch niemand auf die Idee gekommen, einen „Piraten“-Kajalstift auf den Markt zu bringen? Das sind so Fragen, die man sich stellt, wenn sich ein Franchise (so der Fachbegriff für Endlosfortsetzungen von Erfolgsfilmen) langsam abnutzt.

Kaum einer hat so richtig verstanden, worum es im vorangegangenen „Fluch der Karibik“-Film eigentlich ging. Das ist nicht weiter schlimm; bei diesem Franchise kommt es allein auf Johnny Depps Lässigkeit, ein paar lustige Dialogzeilen, tolle Spezialeffekte und eine Menge Action an. Das alles bietet „Fremde Gezeiten“ in der Regie von Rob Marschall („Chicago“, „Nine“), und nebenbei verfügt der Film sogar über eine Geschichte. Es geht um einen sagenhaften Jungbrunnen, den alle finden wollen: Briten und Spanier, Könige wie Kanaillen. Auch der teuflische Blackbeard, dem wiederum Captain Barbossa auf den Fersen ist.

Auf keinen Fall ganz schlecht

Auf Blackbeards Schiff gelangt Jack Sparrow durch dessen Tochter Angelica, was nun Penélope Cruz als Neuzugang an Bord ins Spiel bringt – und als Charakter, der Jack ebenbürtig ist: rechtschaffen hinterhältig, dabei doch auch sentimental und auf keinen Fall ganz schlecht. Angelica wollte Nonne werden, bevor sie Jacks Charme erlag, was sie ihm immer noch übel zu nehmen scheint. Was für ein Paar! Hinreißend, auch wenn Johnny Depps erste Blüte als Jack vorbei ist.

Ein attraktiver Missionar ist noch mit von Partie, was Anlass zu einschlägigen sextechnischen Scherzen gibt. Sex hat der Mann aber nicht, obwohl er sich in eine der gefährlichen Meerjungfrauen verliebt, die einigen Szenen eine ätherische Schönheit verleihen – bis sie ihre Vampirzähne zeigen. Mag dieser Film auch bald behäbig wirken durch die vielen, einander so ähnlichen und nicht sonderlich raffiniert dramatisierten Actionszenen, so sorgen wenigstens die Sirenen für Poesie. Wenn der Film am Donnerstag in Deutschland anläuft, darf man mit einem überwiegend schwerfälligen „Familienspaß“ rechnen.

Johnny Depp und Penélope Cruz taten am Samstag in Cannes ihre Pflicht auf dem roten Teppich. Ihr Werk war beim Festival außer Konkurrenz zu sehen. Natürlich gibt es Wichtigeres. Etwa den neuen Film des in seiner iranischen Heimat aus politischen Gründen juristisch gemaßregelten Regisseurs Mohammad Rasoulof. „Bé omid é didar“ (Sektion „Un certain regard“) entstand unter schwierigsten Bedingungen und wurde aus dem Iran herausgeschmuggelt. Erzählt wird die Geschichte einer jungen Anwältin, die das Land verlassen will und auf ihr Visum wartet, während sich ihr Mann, ein Journalist, offenbar versteckt halten muss.

Ein richtig gefährlicher Film

Es ist eine gleich in mehrfacher Hinsicht unhaltbare Situation. Frauen brauchen im Iran die Erlaubnis ihrer Ehemänner, wenn sie Anträge stellen – dazu kommt hier die offene Bedrohung durch den Staat. Zuerst wird der Anwältin die Zulassung entzogen; bald wird sie vom Geheimdienst bedroht. Der Druck auf die Heldin wächst. Rasoulof zeigt seine Heimat so offen kritisch, wie man es noch nicht gesehen hat. Korruption, Einschüchterungsversuche, minimaler Handlungsspielraum. „Bé omid é didar“ ist ein Dissidentenfilm, der für seinen Regisseur sehr gefährlich werden könnte.

Während die Festivaltage vergehen, wartet man auf den ganz großen Wurf im Wettbewerb. Bisher sah man ihn nicht, wenn auch interessante, vor allem gut gemachte Beiträge liefen. „The Artist“ von Michel Hazanavicius etwa wurde als beschwingte Hommage an den Übergang vom Stumm- zum Tonfilm ziemlich begeistert aufgenommen. „Footnote“ von Joseph Cedar zeigt am Beispiel einer zutiefst gemeinen Vater-Sohn-Geschichte, wie existenziell Tradition und Moderne in Israel miteinander ringen. Auch dafür gab es Beifall.

Ernsthaft ausgebuht wurde der einzige deutschsprachige Wettbewerbsbeitrag: „Michael“ erzählt die Geschichte eines Pädophilen in einem bis zum Überdruss trist ausgemalten kleinbürgerlichen Milieu. Es ist das Regiedebüt des Österreichers Markus Schleinzer, der bislang für das Casting der Schauspieler in den Filmen von Michael Haneke zuständig war. Wenn die Buhs aber schon für den erwachsenen Regisseur deprimierend sind, wie müssen sie erst auf Schleinzers anwesenden Kinderdarsteller David Rauchenberger (zehn Jahre alt) gewirkt haben?!

Kinder sind die heimlichen Helden des diesjährigen Festivals, nur eines haben sie nicht – eine sorglose intakte Kindheit. In „Halt auf freier Strecke“ müssen sich die 14-jährige Lili und der zehnjährige Mika mit dem langsamen, qualvollen Sterben des Vaters auseinandersetzen. Der neue Film von Andreas Dresen (ebenfalls in „Un certain regard“) handelt von einem nackten, banalen, alltäglichen Tod, der von keiner ausgeklügelten Genre-Dramaturgie in Schach gehalten wird. Zu Beginn erfährt hier der Arbeiter Frank (Milan Peschel), dass er an einem inoperablen bösartigen Hirntumor leidet und ihm nur wenige Monate bleiben. Wie sollen er und seine Frau Simone (Steffi Kühnert) das den Kindern beibringen? Was soll man noch sagen, wo nichts mehr zu machen ist?

Mit großer Sensibilität und Aufrichtigkeit begleitet Dresen den stetigen Verfall des Familienoberhaupts und die Überforderung der Familie. Nur der kleine Mika geht natürlich und sogar ein wenig neugierig mit der Situation um. Unsere Kinder müssen so viel mehr können, als wir wissen – das ist eine der Botschaften des Festivals.

Demnächst wird Andreas Dresen das letzte Projekt des im Januar verstorbenen Bernd Eichinger realisieren: die Verfilmung von Siegfried Lenz’ Novelle „Schweigeminute“. Vielleicht sieht man den Film irgendwann in Cannes.

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