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Film

14. Mai 2009

Filmfestival: Die Welt ist nur ein Luftballon

 Von DANIEL KOTHENSCHULTE
Eine Lösung bei hohen Grundstückspreisen? Die gehen allerdings zur Zeit nicht mehr nur up.  Foto: Pixar

Neues vom Trickfilmstudio Pixar, Francis Ford Coppola und Chinas Lou Ye beim Filmfestival in Cannes. Von Daniel Kothenschulte

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Kein 3-D-Film ohne Brille, das ist seit dem ersten großen Boom plastischer Kinoperspektiven vor gut fünf Jahrzehnten so geblieben. Jedes Vergnügen hat seinen Preis.

Doch während gewöhnliche Zuschauer die Maskierung mit Einsatz der Dunkelheit eher beiläufig vollziehen, ist das bei den "red carpet people" einer Cannes-Eröffnung kaum zu erwarten. Wenn das schönste Make-up hinter gewaltigen schwarzen Fliegenaugen verschwinden muss, wenn sich rote Plastikbügel in perfekte Frisuren graben, zieht sich mancher mit Faxen aus der Affäre.

"Up", der neue Pixar-Animationsfilm, verzichtet jedoch fast völlig auf typische 3-D-Effekte. Diese sind ja in der immer etwas übertrieben wirkenden Plastizität der computergenerierten Animation quasi eingebaut.

Dem ikonischen Motiv, das durch den ganzen Film immer neu in Szene gesetzt wird, gibt die zusätzliche Dimension allerdings den letzten Schliff: Ein kleines Haus, getragen von vielen bunten Luftballons, schwebt durch den Himmel, bewohnt von einem etwas mürrisch dreinblickenden Achtzigjährigen, der nicht nur äußerlich ein naher Verwandter der Muppet-Miesepeter Statler und Waldorf ist. Nicht überall weckte das Bild vom Ballonhaus Vorfreude, das, monumental nachgebaut, den Riviera-Strand verschönerte: Fonds-Manager stuften die Disney-Aktie herunter - wer kauft schon eine Karte für einen Film mit einem alten Mann?

"Up" beginnt mit unvergesslichen zehn Minuten, in denen sich ohne viel Worte ein Leben erzählt: Da erträumt ein kleiner Junge das große Abenteuer, will in die Fußstapfen eines berühmten Abenteurers treten, der im Film entfernt an Richard Branson erinnert. Doch alles, was er entdeckt, ist ein mutiges Nachbarmädchen, die Liebe seines Lebens.

Alle Ambition tauscht er gegen das große Liebesglück im kleinen Haus. Erst der Tod der mit ihm Gealterten setzt einen Schlussstrich - zurück bleibt ein verbitterter Greis. Als auch noch seine idyllische Heimstatt Neubauten weichen soll, haben Disney-Fans ein Déjà-vu: Wie einen Film im Film kopiert Pixar den klassischen Disney-Cartoon "The Little House" (1952) der in den letzten Jahren wiederentdeckten Designerin Mary Blair.

Etwas plump ist es schon, wie Produzent John Lasseter, nun, da er nicht nur Chef von Pixar ist, sondern auch die ganze Disney-Animation leitet, das Firmenerbe plündert. Da scheint Pixars eigene Entdeckerfreude zu erlahmen: Fliegende Häuser hat man beim Japaner Miyazaki schon phantasievoller erdacht gesehen. Mit zunehmender Laufzeit verliert "Up" an Liebenswürdigkeit. Ein puppenhafter Pfadfinder, der den Rentner begleitet, wird den ganzen Film lang nicht lebendig. Es mag müßig sein, bei einem Trickfilm über Glaubwürdigkeit zu streiten, dennoch wäre es schön, wenn auf ihn zuträfe, was Francis Ford Coppola über sein neues Opus sagte: "Nichts darin ist tatsächlich passiert, aber alles ist wahr."

"Tetro" heißt dieser Film, sein voller Titel "Francis Ford Coppola's Tetro", als gäbe es noch einen anderen. "Ich habe immer die Namen der Autoren über die Titel geschrieben", so der Veteran des New Hollywood, "doch nie hatte ich einen eigenen Stoff dafür." Eindeutig autobiografisch ist der Familienkonflikt: Zwei Brüder leiden auf unterschiedliche Weise unter dem Ehrgeiz ihrer Künstler-Eltern. Der Vater des Regisseurs, der angesehene, aber auch als altmodisch verrufene Komponist Carmine Coppola, dürfte das Vorbild zur Dirigentenfigur im Film sein. Dessen nicht ganz erfüllter Anspruch erdrückt das Talent eines Dichters (Vincent Gallo), der sich in die Unverbindlichkeit einer Bohémien-Existenz flüchtet. Gedreht in Schwarzweiß mit wenigen Farbtupfern, erinnert der Film entfernt an Coppolas "Rumble Fish".

Tatsächlich gelingen dem Regisseur noch immer die Szenen mit den jungen Darstellern, doch wie beim glücklosen Vorgänger "Jugend ohne Jugend" liegt ein bleischwerer Kunstanspruch über allem. Es ist ein weiter Weg vom einstigen Cannes-Gewinner "Apocalypse Now" zu diesem opernhaften Melodram, doch es gibt auch eine gestalterische Freiheit in diesem Alterswerk und eine verspielte Neugier im Umgang mit dem neuen HD-Format. So ist es durchaus einleuchtend, dass "Tetro" nicht im Hauptwettbewerb läuft, sondern die experimentellere Nebenreihe Quinzaine eröffnete.

Experimente können auch geboten sein, wenn der Schatten der Zensur einem Filmemacher das Leben schwer macht. Lou Ye, Filmkünstler aus Schanghai, hat ein Tabu gebrochen in seinem Land: Sein Wettbewerbsfilm "Spring Fever" handelt vom homosexuellen Coming Out eines Mannes, der ebenfalls die Beziehung mit seiner Frau aufrecht erhält. Doch die daraus abgeleiteten Konflikte wirken überinszeniert, während die lustvoll gedachten Sexszenen Leidenschaft mit Ernst verwechseln. So interessant es ist, einen solchen Film vor dem Hintergrund der chinesischen Lebenswelt zu sehen, so wenig schafft er das, was großes Kino leisten sollte: Eine eigene, filmische Lebenswelt.

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