Der Stachel der Verfremdung
Bellocchio nimmt die Perspektive seiner Protagonistin ein, und in den stärksten Momenten macht er sie sich derart zu eigen, dass sogar einer frühen Sex-Szene mit dem Noch-Kommunisten nichts Peinliches anhaftet. Im Gegenteil: Die Bewunderung scheint emotional erklärlich. Anders als die jüngsten deutschen Ausstattungsfilme über die Nazi-Zeit verfällt Bellocchio nicht in illustrativen Naturalismus. Trotz aufwendiger historischer Ausstattung besitzt jede Szene ihren eigenen Stachel der Verfremdung: Mal in opernhafter Übersteigerung, mal in einem klug gewählten Stummfilm-Zitat und durchweg in einem großartigen Soundtrack. Carlo Crivellis Filmmusik schlägt eine Brücke zwischen dem Modernismus eines Hanns Eisler und dem Minimalismus der Postmoderne, wobei ein Werk von Philip Glass überzeugend eingearbeitet wurde.
So gelingt Bellocchio das, was Lars von Trier so oft vergeblich versucht: eine Vermittlung Brechtscher Theatertechniken in eine absolut zeitgemäße Filmsprache. Allerdings ist das für Bellocchio, diesen Zeitgenossen Pasolinis, natürlich keine neue Errungenschaft.