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Filmfestival Venedig: Die Film-Orgie

Krise? Das Filmfestival von Venedig beginnt mit imposantem Aufgebot. Der scheidende Direktor Marco Müller zeigt in seinem "Wunschprogramm" Videokunst und ein historisches psychedelisches Filmhappening.

Moritz Bleibtreu (links) in Fatih Akins Soul Kitchen. Der Film ist als deutscher Beitrag beim Filmfestival Venedig zu sehen.
Moritz Bleibtreu (links) in Fatih Akins "Soul Kitchen". Der Film ist als deutscher Beitrag beim Filmfestival Venedig zu sehen.
Foto: cora Film

Nur ungern lüften Künstler den Schleier über ihren unvollendeten Werken. Die bekannte iranisch-amerikanische Videokünstlerin Shirin Neshat hat das in den vergangenen Jahren immer wieder erlauben müssen, um die Finanzierung ihres bei weitem aufwändigsten Kunstwerks zu ermöglichen. Von Beginn an von der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen unterstützt, startet "Women Without Men" im Rennen um den Goldenen Löwen als deutscher Beitrag.

Und nun, da er endlich fertig ist, Neshans erster Kinospielfilm überhaupt, kommt die größte Hürde auf die Künstlerin zu: Die Festivalpremiere in Venedig wird sie auch mit einem völlig neuen Publikum konfrontieren. Denn selbst wenn dort zeitgleich eine Kunstbiennale stattfindet - der Filmkontext ist eine völlig andere Welt mit einem eigenen Blick auf das bewegte Bild. Hier kennt man das iranische Kino, aber nicht unbedingt die aktuelle Videokunst.

Obwohl Neshat in ihrem Film das große historische Epos streift - den von der CIA ermöglichten Sturz der demokratisch gewählten iranischen Regierung zur Wiedereinsetzung des Shah im Jahre 1953 - ist das Zentrum wie bei den Videoarbeiten ein Kammerspiel von irritierender Schönheit: Schauplatz ist ein Orchideengarten, in dem vier Frauen die Ereignisse in einer irrealen Schutzzone erleben.

Marco Müller, der scheidende Festivaldirektor am Lido, ist ein leidenschaftlicher Vermittler zwischen den Kontexten. Schon als Chef in Locarno riss er die Grenzen ein zwischen Film und Video, aber auch Barrieren zwischen den hoch entwickelten asiatischen Filmnationen und dem westlichen Publikumsgeschmack. Und als sei das nicht schwer genug, hielt er auch noch dem lustvolleren Teil des amerikanischen Genrekinos die Treue. Künstlern wie Joe Dante zum Beispiel, den er jetzt einfach nach Venedig eingeladen hat, um wie vor Jahren schon einmal in Locarno sein legendäres psychedelisches Film-Happening "The Great Movie Orgy" zu rekonstruieren - ein nunmehr siebeneinhalbstündiges Schlachtfest gegeneinander geschnittener 16-mm-Kopien von Trashfilmen, Cartoons und Fernsehserien.

Die Neuheiten vom Filmfestival in Venedig

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1968 bereiste der Filmfan Dante damit die amerikanischen Uni-Kinos, jetzt hat er noch einmal drei Stunden dazu geklebt. Wenn jemand einmal nach der vollkommenen Chimäre suchte zwischen Kunst und Spaß, dann in diesem selten gezeigten Meisterwerk des "expanded cinema", das nur von Dante persönlich vorgeführt werden kann.

Etwas weniger offensichtlich verschmolzen im bewegten Jahr 1968 die Grenzen zwischen Kunst und Genre in einem Klassiker des Zombie-Films, George A. Romeros stilbildenden Slasher-Movie "Night of the Living Dead". Jetzt kommt Romero mit der jüngsten Fortsetzung zum Festival, und das Erstaunlichste daran: Das Werk läuft in der offiziellen Wettbewerbs-Sektion.

Das amerikanische Kino präsentiert sich in Venedig weit vielfältiger als noch in Cannes. In 120 Minuten teilt Michael Moore seine Ansichten zur Finanzkrise mit - und wirkt damit der eigenen vorsorglich entgegen ("Capitalism - A Love Story"); Pixar-Chef John Lasseter erhält mit seiner gesamten Regisseurs-Riege Ehrenlöwen. Und für den betagten Haudegen Sylvester Stallone erfand man noch einen Sonderpreis.

Am Ende eines enttäuschenden Festivaljahres will Marco Müller von einer Filmkrise nichts bemerkt haben und präsentiert die 66. Ausgabe stolz als sein "Wunschfestival".

Dazu gehört auch ein deutscher Filmemacher, den Müller einst in Locarno mit "Kurz und schmerzlos" für die internationale Festivalöffentlichkeit entdeckte: Fatih Akin hat mit "Soul Kitchen" eine turbulente Komödie über den Niedergang eines Spezialitätenrestaurants und amouröse deutsch-chinesische Irrfahrten gedreht.

Lustiges hat es nicht einfach bei einem auf schwere Filmkunst spezialisierten Festival, doch es gibt Ausnahmen. Ang Lee gewann sogar mit einer von der Anlage ganz ähnlichen kulinarischen west-östlichen Komödie 1993 einen Goldenen Bären: Sein "Hochzeitsbankett" sollte Fatih Akin Mut machen. Denn wie es der Zufall will, leitet Ang Lee, dieser Meisterkoch des Kinos, in diesem Jahr die Jury.

Zu den wenigen aktiven deutschen Filmemachern von Weltruhm zählt Werner Herzog. Obwohl er seit langem in Los Angeles lebt, ist es doch eine Überraschung, ihn mit einem echten Hollywood-Thriller in Venedig zu sehen: "Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans" verspricht in finsterer Polizeifilm zu sein, in der Hauptrolle Nicolas Cage.

Filmfestivals, sie sind immer auch Wettbewerbe zwischen den Generationen. Zu den Veteranen am Lido zählt der Franzose Jacques Rivette, der sich dem schönen, vergessenen Genre des Zirkusfilms zuwandte ("36 Vues du Pic Saint Loup), zu den vielversprechenden Anwärterinnen die Österreicherin Jessica Hausner. In den südfranzösischen Wallfahrtsort Lourdes führt ihr gleichnamiger Wettbewerbsbeitrag. Gefunden hat sie dort weniger die Heiligkeit als eine sehr handfeste Wunderlichkeit unter den Gläubigen. Kein Wunder eigentlich.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  1 | 9 | 2009
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