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Film

02. September 2012

Filmfestival Venedig: Ein Guru verführt den Lido

 Von Anke Westphal
Joaquin Phoenix als Freddie Quell in "The Master". Foto: 69th Venice Film Festival

Ein Scientology-Drama sorgt schon von Beginn an für Probleme. Wer sich in "The Master" jedoch scharfe Kritik an der Sekte erhofft, wird enttäuscht sein. Trotzdessen steht er im Wettbewerb des 69. Filmfestival Venedig.

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Ein Scientology-Drama sorgt schon von Beginn an für Probleme. Wer sich in "The Master" jedoch scharfe Kritik an der Sekte erhofft, wird enttäuscht sein. Trotzdessen steht er im Wettbewerb des 69. Filmfestival Venedig.

Kaum ein Film wurde mit solcher Spannung erwartet. Dass der Regisseur Paul Thomas Anderson ein Drama über Scientology plante, sorgte von Beginn an für Turbulenzen. 2011 bereits begannen die Dreharbeiten zu „The Master“, sie wurden aber wegen zu hoher Kosten und Probleme mit dem Script vom Studio Universal ausgesetzt. So hieß es jedenfalls.

Tom Cruise hatte Einwände

Einer anderen Version zufolge wurde der Produzent Harvey Weinstein bedroht von der Sekte, die in den USA als Kirche gilt. Annapurna Pictures finanzierte dann diesen Film - den der US-amerikanische Regisseur im Mai exklusiv einem sehr guten Freund zeigte: Tom Cruise. Nun weiß man, dass der nicht nur der bestbezahlte Hollywood-Star der Gegenwart ist, sondern auch ein ranghoher Scientologe und das Aushängeschild des Kults. Tom Cruise soll Einwände gegen bestimmte Szenen und Dialoge gehabt haben. Gab P. T. Anderson denen statt, nahm er Änderungen vor? Oder hat er sich souverän behauptet? Jedenfalls konkurriert der Film nun im Wettbewerb des 69. Festivals Venedig. Tatsache ist: Wer sich von „The Master“ eine scharfe Kritik an Scientology erhofft, wird enttäuscht, wer das Kino liebt, jedoch beglückt sein.

Der Film erzählt nicht von den Strukturen der Sekte; und es ist dies auch kein Biopic über ihren Gründer L. Ron Hubbard, obwohl die Figur des Lancaster Dodd von Hubbard inspiriert ist. P. T. Andersons neuer Film zeigt uns vielmehr, wie sich ein Mann von großer Autorität sowie enormem Charisma selbst als Demagoge erschafft - und zwar mit der wachsenden Popularität seines Kults. Erzählt wird die Geschichte, die sich auf die Anfangsjahre von Scientology zu Beginn der 1950er beschränkt, dann aus der Sicht eines schwer gestörten, alkoholabhängigen Kriegsheimkehrers, dem dann alle Gewalt gegen Kritiker der Sekte angehängt wird. Ja, Scientology kann „The Master“ ruhig ignorieren. Und irgendwie ist das auch gut so, denn Kino ist mehr als nur eine Waffe.

Buh-Rufe für zwei Filme

In diesem Fall ist es ein Rausch exzellenter Bilder - und eine Tour de Force für zwei der besten Schauspieler der Welt: Philip Seymour Hoffman spielt als „Meister“ die Rolle seines Lebens, wechselnd zwischen Jovialität, Majestät und Ungeduld. Und Joaquin Phoenix darf als Freddie Quell seine Verrücktheit wieder in einigem Over-acting ausleben. Wer von beiden wird hier am Ende den Coppa Volpi für den besten Darsteller bekommen? Mit dem Wochenende sind doch noch einige Stars, die diese Bezeichnung verdienen, über den roten Teppich vor dem Palazzo del Cinema gelaufen.

Pierce Brosnan etwa, der in „Love is all you need“, einer romantischen Komödie von Susanne Bier, mitwirkt. Oder Ben Affleck und Rachel McAdams, die gemeinsam mit Olga Kurylenko in „To the Wonder“ schweben, tanzen, schreiten, ja fast fliegen. Terrence Malicks neuer Film ist am Lido bereits der vierte Wettbewerbsbeitrag in nur drei Tagen, der sich an spirituellen und religiösen Fragen abarbeitet. Bei Malick geschieht das in einem einzigen langen Flow aus wunderschönen Bildern, Gedankenfragmenten, Assoziationen, die letztlich die Verfasstheit des Menschen als Ebenbild Gottes reflektieren. Das war auch eins der Hauptmotive in Malicks „The Tree of Life“, der 2011 in Cannes die Goldene Palme gewann.

Es gab viele Buhs für „To the Wonder“ – ebenso wie für „Fill the Void“, den israelischen Löwen-Konkurrenten. Die Regisseurin Rama Burshtein erzählt hier ganz aus der Binnensicht orthodoxer chassidischer Juden von einer jungen Frau, die verheiratet werden soll und - ohne auch nur an Ausbruch zu denken - innerhalb der Gebote ihrer Gemeinschaft einen Platz im Leben sucht. Nein, nennenswerte weltanschauliche Toleranz bringt das Publikum von Venedig nicht auf. Warum das so ist? Eine heikle Frage.

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