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Film

06. September 2012

Filmfestival Venedig: Von Männern, Frauen und Löwen

 Von Anke Westphal
Robert Redfords Stimme wird gehört in der politischen Kakophonie. In Venedig zeigt er seinen Film „The Company You Keep“. Foto: dapd

Festivalchef Alberto Barbera hat in Venedig einen hochklassigen Wettbewerb zusammengestellt: voller eigenwilliger Handschriften und künstlerischer wie thematischer Überraschungen. Die Jury wird es schwer haben, sich zu entscheiden.

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Festivalchef Alberto Barbera hat in Venedig einen hochklassigen Wettbewerb zusammengestellt: voller eigenwilliger Handschriften und künstlerischer wie thematischer Überraschungen. Die Jury wird es schwer haben, sich zu entscheiden.

Ein Mann hetzt durch den Wald. Auf der Flucht vor seinen Verfolgern vom FBI und deren Spürhunden wird er schließlich langsamer, und dann bleibt er plötzlich stehen, lehnt sich an einen Baum. Jim Grant kann und will nicht mehr davonlaufen vor seiner Vergangenheit. Zu Anfang der 1970er-Jahre hatte der Anwalt Kontakt zu Mitgliedern der radikalen Bewegung „Weather Underground“, die auf militante Weise gegen den Krieg in Vietnam protestierte und diesen Krieg nach Hause holen wollte, um das ausbeuterische, mörderische „System“ zu schlagen. Bei einem Banküberfall der Extremisten kam ein Wachmann ums Leben, erschossen. Nun hat sich Jahrzehnte später unerwartet eine Frau gestellt, die damals bei diesem Terrorakt dabei war und seither unter falscher Identität lebte. Sie will endlich einen Schlussstrich ziehen − und setzt damit erneut die Fahndung nach anderen Weathermen in Gang.

Ein Wettbewerb voller künstlerischer wie thematischer Überraschungen

In „The Company You Keep“ (außer Konkurrenz) spielt Robert Redford diesen Jim Grant, einen Mann, der eine ehemalige Geliebte und Terroristin aufspüren muss, um von ihr seine Unschuld bezeugen zu lassen. Redford, Jahrgang 1936, ist nicht älter, sondern tatsächlich alt geworden, und deswegen tut es einem fast leid, dass er sich den mit Action beladenen Part des Gejagten aufbürdet, denn er hat ja auch Regie geführt. Warum tut er sich das alles an? Weil er offenbar muss, einem Drang folgt. Und damit hat er Recht, denn immer noch ist Robert Redford eine Stimme, die gehört wird in der politischen Kakophonie der USA. Und so geht es in „The Company You Keep“ auch nicht nur um einen Menschen, der seine Vergangenheit klären muss, um die Zukunft seiner elfjährigen Tochter zu sichern, sondern auch um den Wandel der Ideale in verschiedenen Generationen und Dinge wie die Pressefreiheit.

Neben Susan Sarandon, Julie Christie, Nick Nolte, Chris Cooper und Richard Jenkins spielt Shia Labeouf einen Reporter, der von einer Ex-Terroristin gefragt wird, für welche Sache er denn etwas wagen würde. Nun, er macht nur seinen Job. Dass die tragische Ernüchterung einstiger Idealisten so eine prominente Rolle spielt bei Redford, wird ihm mancher so wenig günstig auslegen wie den Umstand, dass er hier eine Rolle spielt, die er vielleicht lieber Tommy Lee Jones überlassen hätte.

Doch Redfords Film gehört mit Brian di Palmas Thriller „Passion“ zu den letzten Promi-Höhepunkten des 69. Filmfestivals Venedig, das am Sonnabend mit der Preisverleihung endet. Die Wettbewerbsjury unter Vorsitz des Hollywood-Regisseurs Michael Mann wird es schwer haben, denn sie muss sich gleich unter mehreren Filmen entscheiden, die eine Ehrung verdienen. Einen hochrangigen Wettbewerb hat der neue Festivalchef Alberto Barbera in den nur sechs Monaten seiner Amtszeit zusammengestellt: voller eigenwilliger Handschriften, künstlerischer wie thematischer Überraschungen. Die Frage ist nun: Wie mutig ist die Jury? Wie offen ist der Genre-Meister Michael Mann (u. a. „Collateral“, „Public Enemies“) in ästhetischer Hinsicht?

Für einen Preis in Frage käme etwa Harmony Korines großartig durchgeknallter Abgesang auf amerikanische Träume und Klischees. „Spring Breakers“ erzählt von vier jungen Frauen, die wie andere College-Studenten auch Semesterferien in einem der Urlaubsparadiese Floridas machen wollen. Die sogenannten Spring Breakers sind gefürchtet als lärmende, dauerbesoffene, sex-fixierte sowie anhaltend unter Drogen stehende Twens − der Horror aller Urlauber. Harmony Korine, der mit seinem Drehbuch zu Larry Clarks „Kids“ (1995) berühmt wurde, widmet die Geschichte seiner Heldinnen aber nun in eine Art feministischen Gangster-Film um: Seine Mini-Barbies überführen den unendlichen Spaß, den sie haben wollen, ungebrochen in Gewalt und eignen sich dazu noch die Statussymbole eines Gangster-Rappers (James Franco) an. Im Bikini und mit pinkfarbenen Strumpfmasken schwelgen sie in Waffen und Dollarnoten. Teenie-Stars wie Selena Gomez oder Vanessa Hudgens brechen hier mit ihrem adretten Disney- oder „High School“-Musical-Image.

Dass dem 39-jährigen Korine der Goldene Löwen zugesprochen wird, glaubt am Lido indes niemand so recht. Das Großkino etablierter Regisseure wie Paul Thomas Anderson („The Master“) oder auch Kim Ki-duk („Pieta“) dürfte die stärkere Lobby haben. Und dann verhalten sich die Jurys großer Filmfestivals ja auch immer wie Halbgötter: rätselhaft, aber doch auch strategische Rücksichten wahrend, natürlich mit den besten Absichten! Auch in Venedig gab es etliche Filme, die aus der arabischen Welt erzählten, nur nicht im Wettbewerb. Fast alles spricht im Moment für „The Master“, die Festivalpolitik aber auch für Ulrich Seidls verfemtes Drama „Paradies: Glaube“. Katholische Verbände protestierten hier in den vergangenen Tagen lautstark am roten Teppich; schwule Paare küssten sich demonstrativ vor ihren Augen. Ein Bild herrlichster Zerrissenheit!

Ja, wenn wir alle nur etwas aufrichtiger und verständnisvoller wären

Immer wieder ging es bei diesem Festival um Religion und Glaubensfragen, also Liebe und Tod. Etwa auch in „Bella Addormentata“, dem neuen Film des italienischen Regisseurs Marco Bellocchio. Tief bewegt von der Debatte um den Fall der Koma-Patientin Eluana Englaro, deren Vater 17 Jahre um das Sterberecht seiner Tochter kämpfte, lässt Bellocchio atheistische, christliche oder einfach parteipolitische Positionen aufeinanderprallen, ohne jedoch am Ende mehr als einen Diskursfilm über das Humanitäre an sich zu inszenieren.

Ja, wenn wir alle nur etwas aufrichtiger und verständnisvoller wären! Dann wären wir Heilige. Dass wir das nicht sind und nie werden, ist Bürde, Trost und Aufgabe zugleich. Venedig zeigt, dass es gegen Ablehnung aus ideologischen Gründen nur ein Mittel gibt: Toleranz.

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