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Film

31. August 2013

Filmfestspiele Venedig: Humboldt in Schabbach

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Die Auswanderer verlassen den Hunsrück, um in Brasilien "Die andere Heimat" zu finden.  Foto: dpa/Concorde Filmverleih 2013/Christian Lüdeke

Edgar Reitz feiert mit seinem meisterlichen Film „Die andere Heimat“ am Lido ein furioses Comeback.

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Wer für seine Filme so tief in die Schatzkisten überlieferter Geschichten blickt wie Edgar Reitz, der hält doch gern an manchen Dingen fest. „Es gab da diesen Biergarten in München, und als er schloss, da war ich wirklich traurig“, bekennt der Filmemacher im sonnigen Venedig. „So haben wir uns auch Sorgen um die ‚Frankfurter Rundschau‘ gemacht. Man will nicht, dass geliebte Dinge verschwinden, die Zeitung in der Wolfram Schütte schrieb und mein Lieblingskritiker Peter W. Jansen.“

Nun, es gibt sie noch, und auch sonst ist für Reitz in diesen Tagen am Lido eigentlich alles wie früher. Stürmisch wurde am Donnerstag seine jüngste, „Die andere Heimat“ gefeiert, ein Schwarzweißfilm mit Farbelementen, allerdings diesmal im Breitwandformat.

Formvollendeter Film

Es ist ein grandioser, formvollendeter Film, der seine Erzählfülle meisterlich im Griff hat: Aus allen Enden strömen neue Geschichten ins ärmliche Bauerndörfchen Schabbach in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Vergangenes und Zukünftiges mischen sich am Vorabend der Moderne, die sich mit dem Bau einer kleinen Dampfmaschine durch einen wissensdurstigen jungen Schmied namens Jakob Simon ankündigt. Mit dem jungen Darsteller Jan Dieter Schneider fand Reitz für die Hauptrolle ein Naturtalent von intuitiver Glaubwürdigkeit.

Die 230 Filmminuten ziehen wie im Flug vorüber. Den Untertitel, „Chronik einer Sehnsucht“, muss Reitz dem internationalen Publikum allerdings erst erklären. „Sehnsucht ist schon wieder so ein deutsches Wort, für das es keine Übersetzung gibt, ebenso wie das Fernweh“. Letzteres ist nicht schwer zu finden in einer Zeit bitterster Armut. Von der Auswanderungsbewegung mitgerissen, träumt Jakob Simon von Brasilien, er studiert sogar die Dialekte der Indianer. Dann aber kommt ihm sein Bruder zuvor und ergreift heimlich die Initiative.

„Es war uns nicht möglich, einen solchen Ort in Deutschland zu finden, der noch so aussähe wie im 19. Jahrhundert. Die Schlösser überlebten, aber an diese Not erinnert nichts mehr. Jede Fassade, die man sieht, haben wir im Hunsrück aufgebaut.“

Die Architektur und die Schichten des Erzählens greifen nahtlos in einander, ebenso wie der historischer Realismus in der Ausstattung mit einer romantischen, ins Märchenhafte greifenden Ausleuchtung verschmilzt. Gernot Rolls Kamera ästhetisiert dabei allerdings weniger die Armut als einen verborgenen Reichtum: im Handwerk, in der Naturschönheit in den menschlichen Gesichtern.

Viel Raum für tragikomische Details

Und die großzügige Erzählzeit gibt wiederum abermals allen Raum für einen Überschuss an tragikomischen Details – etwa wenn immer wieder der Tod bei der Mutter der Brüder anklopft und dann dennoch weiterzieht. Kein Wunder, dass das italienische Publikum hier besonders begeistert ist – man kann sich manchmal erinnert fühlen an den volkstümlichen Humor von „Don Camillo und Peppone“. Das Heimweh, dass dieser beglückende Film weckt, ist auch die Sehnsucht nach opulenter filmischer Erzählkunst.

Eine kleine Hommage in diese Richtung ist ein Gastauftritt von Werner Herzog, in einem etwas irrwitzigen Gastauftritt als durchreisender Alexander von Humboldt. Dass Jurypräsident Bernardo Bertolucci dieses Terrain einst mit „1900“ besetzte, nützt uns leider wenig: Edgar Reitz’ neues Meisterwerk läuft außer Konkurrenz.

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