Das Kino hat überall eine Menge mit Schönheit zu tun, aber nirgendwo mehr als in Italien. In einem Land, wo die größten weiblichen Filmstars bei Schönheitswettbewerben entdeckt wurden, überziehen die meisten Produzenten heute ihre Filme mit einer altmeisterlichen Patina.
Niemand rührt sie großzügiger an als Giuseppe Tornatore, der Hausherr im "Cinema Paradiso", jenem mythologischen Ort der Selbstvergewisserung und Überhöhung, dass den Italienern ihr Kino geblieben ist. Ein Eröffnungsfilm wie sein "Baaria" ist hierzulande unbezahlbar. Hundertfünfzig Minuten schwelgen Tornatore und sein Hauskomponist Ennio Morricone in Nostalgie.
Sie gilt einem sonnigen Sizilien, in dem nur ganz entfernt einmal ein paar Mafia-Schüsse verhallen. Und sie gilt - Berlusconis marktbeherrschender Medusa-Filmkonzern hat ein großes Herz - sogar der kommunistischen Partei. Doch obwohl Politik die treibende Kraft im Leben des fünffachen Familienvaters Peppino im Nachkriegsitalien sein soll, kommen ihre Inhalte nicht vor. Dazu passt, dass Morricone offenbar Schuberts Ave Maria nicht aus dem Ohr ging, als er den überzuckerten Soundtrack komponierte.
Die Reihe der kleinen Anekdoten reißt nicht ab, und jede interessiert weniger als die vorangegangene. Natürlich steht auch ein Kino im Orte Baaria (gemeint ist Palermos Ortsteil Baghera, wo Tornatore geboren ist). Dort sammelt ein Junge Schnipsel aus Filmklassikern der Nachkriegszeit.
Wie wenig der vermeintliche Cineast Tornatore tatsächlich von ihrer Vielfalt kennt, das verrät sein selbstverliebter Film in der gnadenlosen Nachbarschaft zur Retrospektive des Festivals: vergessene italienische Klassiker. Gleich zweimal konnte man dort den Charakterdarsteller Gino Cervi erleben - und damit Peppone den Vorzug geben vor Peppino.
Wie bitter muss es für die ästhetisch geschulten Filmfreunde Italiens sein, ihr Festivalzentrum selbst in vollkommener Hässlichkeit zu sehen. Das Gelände eingezäunt wie militärisches Sperrgebiet, das Hauptgebäude verstellt durch ein scheußliches unklimatisiertes Kinozelt, das niemand braucht, und aus den Stufen des Casinos, eines Baudenkmals der Duce-Zeit wuchert büschelhoch das Unkraut. Wüsste man nicht um den hehren kulturellen Sinn darin, man könnte in diesem martialischen Ensemble eine Illustration des amerikanischen Wettbewerbsbeitrags von Todd Solondz vermuten: "Life During Wartime".
Es ist das erste Meisterwerk des Festivals, ein ebenso radikaler wie zurückhaltender Film über die moralische Befindlichkeit eines Landes in einem Zustand kollektiver Paranoia. Solondz reiht die arglosen Gespräche von Liebespaaren in anonymen Gaststätten zu einer scheinbaren Gesellschaftskomödie aneinander - um dann unversehens gespenstische Mauern des Verdrängten einzuziehen.
Solondz bewegt sich dabei in einer selbstkritischen amerikanischen Kunsttradition, für die die Fotografien von Diane Arbus stilbildend waren. So offenkundig die Wut, die aus seiner messerscharfen Komödie spricht, diesem Porträt einer aus Angst vor der Perversion selbst pervers gewordenen Gesellschaft, so diskret bleibt doch die Form: Ed Lachman fotografierte den Film in jenen streng gerahmten Kompositionen, wie sie einst das frühe amerikanische Kino der Griffith-Zeit für seine moralischen Miniaturen wählte.
Und noch ein US-amerikanischer Beitrag widmete sich gleich am ersten Festivaltag der Vision eines Kriegs auf eigenem Boden. "The Road" von John Hillcoat ist die Verfilmung des gleichnamigen postapokalyptischen Thrillers von Cormac McCarthy. Vor allem Hauptdarsteller Viggo Mortensen trägt den Film in der wohl besten Leistung seiner Karriere, doch die moralische Aussage wirkt zusehends aufdringlich. Immer wieder buhlt der Film um Anteilnahme. Der Hauptverantwortliche dabei ist Nick Cave: Seine Filmmusik erinnert an die endlosen harmoniesüchtigen Meditationen der Taizé-Kirche.