Film

10. Juli 2013

Filmkritik „Das Glück der großen Dinge“: Keine Zeit für Tränen

 Von 
Wenn Erwachsene nur an sich denken: Alexander Skarsgard (re.), Julianne Moore und, dazwischen, Onata Aprile. Foto: dpa

Ein Geschichte aus der Sicht eines Kindes: Der Film „Das Glück der großen Dinge“ nach Henry James ist in seiner Darstellung völlig neu und mit seiner dumpf schwingenden Melancholie irgendwie beglückend.

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Vom Scheitern einer Ehe aus der Sicht eines Kindes zu erzählen, verspricht nicht unbedingt einen unbeschwerten Kinoabend. In einem verzweifelten Versuch, die klaglose Traurigkeit der kleinen Maisie, gespielt von der sechsjährigen Onata Aprile, ins Positive zu verkehren, hat sich der Verleih einfach einen neuen Titel ausgedacht: „Das Glück der großen Dinge“, das verkehrt die Qualitäten eines Films geradezu ins Gegenteil, die gerade in der subtilen Vermittlung von Unglück liegen.

Dass große Filmkunst dennoch glücklich macht, steht auf einem anderen Blatt. Es ist wahr, es gibt eine Menge Schönheit in diesem vorzüglich fotografierten Film, wenn lichtumschmeichelte Alltagsdinge in kurzen Schärfentiefen leuchten – als bestaunten wir sie selbst mit Kinderaugen.

Der Grundton unter dieser Schönheit aber ist reines Gift, vielleicht in schwacher, aber permanenter Dosierung. Zu Beginn, die Kamera ist wie so oft in diesem einfühlsamen Film auf Augenhöhe mit dem Mädchen, sieht man es mit seinen kleinen Pferdchen spielen. Der martialische Soundtrack zum friedvollen Spiel wurde dezent in den Hintergrund gemischt, doch wer will, versteht jedes Wort. In jedem Gedächtnis schlummern solche Kindheitsbilder und ruhen solch über den eigenen Kopf hinweg gesprochene Worte. Schreckliche Dinge, die man doch angeblich gar nicht verstand.

Diskret, aber ohne Zugeständnisse rühren die Regisseure Scott McGehee und David Siegel in einer kollektiven Wunde: dem leisen, aber fortwährenden Missbrauch, den Kinder erfahren, wenn sie zu Zeugen seelischer Gewalt zwischen Erwachsenen werden.

Erstaunlicherweise auf Augenhöhe

Es muss nicht einmal eine Scheidung mit nachfolgenden Racheakten sein, wie jene zwischen der New Yorker Rocksängerin Susanna (Julianne Moore) und dem britischen Geschäftsmann Beale (Steve Coogan). Das kunstvolle Drehbuch ist so allgemeingültig formuliert, dass man es auf alle Kollateralschäden beziehen kann, die übertriebener Selbstverwirklichungswahn an Kindern anrichtet. Und wie sie schon Henry James in seiner Vorlage „What Maisie Knew“ anprangerte; der Roman ist hier ins gegenwärtige Manhattan verlegt worden.

Von 1897 stammt der einflussreiche gesellschaftskritische Roman, den Vladimir Nabokov übrigens ganz „entsetzlich“ fand. Seit den 80er Jahren, als er unter dem Titel „Maisie“ auf Deutsch erschien, wurde er bei uns nicht mehr verlegt. Dies ist eine freie Adaption, die weit davon entfernt ist, moderne, selbstbestimmte Lebenskonzepte generell anzuprangern. Viele Härten und eine im Buch entscheidende Nebenfigur fehlen, wirklich untreu wurde man Henry James dabei aber wohl kaum – die Autoren lockerten nur etwas an der Schraube.

Wie im Buch vergraulen Maisies hemmungslos egoistische Eltern bald auch ihre jeweiligen neuen Partner. Und treiben sie so unfreiwillig einander in die Arme. Während sich Papas neue Gattin Margo – Maisies ehemaliges Kindermädchen – eher pflichtbewusst um die Kleine kümmert, begegnet ihr Lincoln, der „Neue“ ihrer Mutter, mit echter Fürsorge. Alexander Skarsgård spielt diese Nebenrolle eines Barkeepers, den seine Frau wie ihren privaten Roadie behandelt, mit bemerkenswerter Zurückhaltung und doch anrührender Wärme. „Du magst ihn doch auch“, fragt die verliebte Margo das Kind, um Rückversicherung bemüht, aber Maisie findet intuitiv die besseren Worte: „I love him. Ich hab ihn lieb.“ Aber auch in den Szenen ohne Dialog erreicht die erstaunliche Kinderdarstellerin Onata Aprile die höchste Gefühlswirkung fast ohne eine Träne.

Beglückend trotz Traurigkeit

In dieser etwas von der Schwere befreiten zweiten Hälfte des Films erwartet man kurz ein Umschwenken in Richtung „romantic comedy“, doch dann ist man wieder auf Augenhöhe mit Maisie, die wieder einmal wie bestellt und nicht abgeholt auf eine Übergabe wartet. Seinen Grundton, jene dumpf schwingende Melancholie, behält der Film bis zum Ende bei. So wie sie vielleicht auch in Maisies Leben einen ewigen Nachklang haben wird.

Das vom Titel versprochene „Glück der großen Dinge“, es lässt nicht nur auf sich warten, es macht einem frühen Heranreifen Platz: Einmal will der chronisch abwesende Vater, mal wieder auf dem Sprung, das Kind mit einem albernen Spaß aufheitern. Vergeblich. „Als du vier warst, hättest du darüber gelacht, das kannst du jetzt nicht abstreiten“, kaspert er sich aus der traurigen Situation. Wer Kinder lange genug wie Erwachsene behandelt, muss sich nicht wundern, wenn sie ihre Kindlichkeit verlieren.

Man muss schon lange in der Filmgeschichte zurückblicken, um etwas Ähnliches zu finden. Die Kindheitsbilder von Truffaut fallen einem ein, unvergessen ist auch Robert M. Youngs New Yorker Tragikomödie „Nicht von schlechten Eltern“ über zwei 12-jährige Trennungskinder. Doch die Konsequenz, mit der das Regie-Duo McGehee/Siegel („Trügerische Stille“) den Blick ohne jeden Zeigefinger auf kindliches Leiden lenkt, ist einzigartig – und dadurch bei aller Traurigkeit sogar beglückend.

Das Glück der großen Dinge. USA 2012. Regie: Scott McGehee, David Siegel. 103 Minuten.

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