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Filmkritik: Enthemmte Idealisten

Die Gemeinschaft der Gleichgesinnten ist auch eine Illusion: Ole Christian Madsens "Tage des Zorns" schildert das Schicksal dänischer Widerstandskämpfer.

Tödliches Duell: Hoffmann (Christian Berkel) fast auf Tuchfühlung mit Flame (Thure Lindhardt, rechts).
Tödliches Duell: Hoffmann (Christian Berkel) fast auf Tuchfühlung mit Flame (Thure Lindhardt, rechts).
Foto: Verleih

Es wird nie wieder Gerechtigkeit auf der Welt geben, wenn man in diesem Augenblick nicht selber die Gerechtigkeit und die Justiz ist." So spricht Thérèse, die Hauptfigur aus Marguerite Duras' Erzählung "Ter der Milizionär", und meint mit Gerechtigkeit auch Folter. Als Mitglied der französischen Resistance leitet Thérèse ein Verhör. Sie lässt den Gefangenen, einen Denunzianten, von zwei Komplizen schlagen, bis er halb tot ist. "Thérèse, das bin ich", hat Duras später geschrieben.

In einem Interview von 1985, das Laure Adler in ihre Duras-Biographie aufgenommen hat, verteidigt die berühmte Schriftstellerin ihre Rachegelüste: "Es kann einem wirklich passieren, dass man jemand foltert, dass man zum Bullen wird. Aber ich konnte dem nicht aus dem Weg gehen. Ich spreche nicht mit Bedauern davon… Ich habe eine entsetzliche Erinnerung daran… Ich glaube, mein Hass war so groß, dass ich daran gestorben wäre." Marguerite Duras' Mann, Robert Anthelme, war als Mitglied der Widerstandsbewegung von den Nazis verhaftet und nach Dachau verschleppt worden. Er überlebte knapp. In ihrem Buch "Der Schmerz" hielt Duras die zermürbende Zeit des Wartens fest.

Der Film
Filmkritiken

Tage des Zorns, Regie: Ole Christian Madsen, Dänemark/Deutschland 2008, 136 Minuten.

Weitere Rezensionen finden Sie in unserer Rubrik Film.

Die schmutzigen Hände der Duras wurden zum Skandal, der den Mythos der französischen Resistance ankratzte. Doch kann man von Menschen, die zügellose Verbrechen bekämpfen, erwarten, dass sie sich an die Regeln der Zivilisation halten? Dem dänischen Regisseur Ole Christian Madsen ist mit "Tage des Zorns" ein brillanter, zutiefst humaner Film über die seelischen Abgründe gelungen, in die hier der dänische Widerstand beim Kampf gegen die Nazis absteigt. Basierend auf der wahren Geschichte zweier legendärer dänischer Untergrundkämpfer, folgt sein berührender Film den Hauptfiguren Flame und Citron bis zum zynischen Ende.

Am 9. April 1940 wurde Dänemark von den Deutschen besetzt. Lange Zeit hielten die Dänen still, da die Besatzer die dänische Regierung nicht antasteten. Erst 1942 wagten sich Widerstandsgruppen an Sabotageakte. Flame, so genannt wegen seiner roten Haare, und der unscheinbare Citron trafen in der Holger Danske Gruppe aufeinander.

Thure Lindhardt spielt den Präzisionsschützen Flame mit einer Nonchalance, die angesichts der allgegenwärtigen Bedrohung an Schizophrenie grenzt. Schick gekleidet, der Gefahr wie den Damen gewogen, vor allem wenn sie so mysteriös sind wie Doppelagentin Ketty, weigert sich der Draufgänger lange, das Fanal seiner Haare unter einer Mütze zu verstecken. Dabei haben es die Nazis auf ihn abgesehen, seit er mit Citron dänische Kollaborateure auf offener Straße hinrichtet.

Mads Mikkelsen in der Rolle des von Frau und Kind notgedrungen getrennten Citron entwickelt all jene Reaktionen, die sein kaltblütiger Freund verdrängt. Von Angst gelähmt, vermag er nicht selbst zu töten. Im Gegensatz zu Flame hat er ein Privatleben, dessen Verlust ihn abwechselnd in Raserei und Depressionen stürzt. Um Frau und Kind zu versorgen, wird er sogar zum Räuber. Wie Mads Mikkelsen einen Händler, der Nazis mit Delikatessen versorgt, gewaltsam um Lebensmittel erleichtert, wie ihm die Scham dabei das Gesicht bleicht, das ist ein ambivalenter, wahrhaft belastender Moment, der die kommenden Gewissenskonflikte schon in sich trägt.

Anfänglich ist es für die Rebellen keine Frage, dass die Morde, die sie begehen, Leben retten. Dann werden Flame und Citron Opfer einer Intrige des Leiters ihrer Gruppe. Auf dessen Geheiß töten sie einen vermeintlichen Verräter, großartig gespielt von Hanns Zischler. Als sich herausstellt, dass der Ermordete zu ihnen gehörte und belastendes Material über den zwielichtigen Leiter gesammelt hatte, überschreiten Flame und Citron letzte Grenzen. Als Racheengel, die ohne Befehl Nazis aufs Korn nehmen, werden sie den Organisatoren des taktisch lavierenden Widerstands gefährlich.

Die rasanten Actionszenen, die glanzvolle Oberfläche von Ausstattung und Architektur ergänzen sich auf beeindruckende Weise mit der melancholischen Botschaft. Gerechtigkeit ist ein Köder für enthemmte Idealisten. In "Der Schmerz" beschreibt Duras ein peinigendes Paradox: Im Krieg ist es unmöglich, auf ein Einzelschicksal zu bestehen. Aber die Gemeinschaft der Gleichgesinnten ist auch eine Illusion.

Autor:  HEIKE KÜHN
Datum:  28 | 8 | 2008
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