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Filmkritik: Verhätschelte Prinzen und entschlossene Töchter

Eine meisterlich gestaltete Erzählung vom Schicksal tunesischer Einwanderer: "Couscous mit Fisch" des tunesischen Regisseurs Abdella Kechiche.

Rym (Hafsia Herzi) tanzt für die Gäste.
Rym (Hafsia Herzi) tanzt für die Gäste.
Foto: Verleih

Wesh wesh, qu'est-ce qui se passe?", "Was geht ab?", mit dieser Frage machte Rabah Ameur-Zaïmeches gleichnamiger Debütfilm über muslimische Einwanderer in Paris 2001 Furore. Die Antwort war so unpathetisch wie der Streifzug durch eine monströse Plattenbausiedlung: Nichts geht ab, nur der übliche französische Chauvinismus, der das Ende der Kolonialordnung nicht wahrhaben will. Doch auch die Muslime verharren in dieser semi-dokumentarischen Bestandsaufnahme beidseitiger Gewalt im Ghetto ihrer Tradition. Die Macho-Attitüde der in Frankreich geborenen Söhne spiegelt Verhätschelung und das Erbe der Frauenfeindlichkeit.

"Voltaire ist schuld", der mit Preisen überhäufte Debütfilm des in Tunis geborenen und in Frankreich aufgewachsenen Abdella Kechiche, schlug im gleichen Jahr eine neue Tonart an. Komisch und entlarvend, unterfüttert mit der Dreistigkeit der Authentizität, ist die Ausbildung, die der illegal eingewanderte Jallel in "Voltaire ist schuld" von altgedienten Asylbewerbern erhält. "Fast wollte ich", so Kechiche über sein vor Lebensfreude sprühendes Debüt, "dass man die Probleme vergisst, die aus der Illegalität erwachsen."

Der Film
Filmkritiken

Couscous mit Fisch, Regie: Abdel Kechiche, Frankreich 2007, 155 Minuten.

Weitere Rezensionen finden Sie in unserer Rubrik Film.

"Couscous mit Fisch", beim Filmfestival von Venedig 2007 ausgezeichnet mit dem Spezialpreis der Jury, setzt Kechiches Auseinandersetzung mit dem Schicksal tunesischer Einwanderer auf meisterliche Weise fort: Familie Beiji hat sich im südfranzösischen Séte in 40 Jahren Legalität und Normalität erkämpft. Nun wird Vater Slimane mit 65 aus seinem Job als Hafenarbeiter gedrängt.

Obwohl von seiner matronenhaften Frau geschieden und im Hotel seiner Geliebten ein karges Zimmer bewohnend, sieht sich Slimane in der Verantwortung des Versorgers. Die 20-jährige Rym, Tochter seiner Geliebten, steht ihm bei. Zupackend, schlagfertig und offensiv weiblich, ist sie das Herz des Films.

Slimanes Söhne, der eine ein Tagträumer, der andere ein verheirateter Schürzenjäger, bedrohen dagegen den Familienfrieden. Der kritische Blick auf die verzogenen, in Frankreich geborenen Prinzen aus "Wesh wesh, qu'est-ce qui se passe?" und die Selbstausbeutung der Elterngeneration erfährt hier eine dramatische Zuspitzung.

Slimanes Traum, auf einem abgewrackten Schiff ein Restaurant zu eröffnen, wird dank Ryms Unterstützung wahr. Doch sein ältester Sohn braust mit dem Wagen davon, in dem Speisen für Ehrengäste angeliefert werden sollen. Die weißen Franzosen triumphieren: Keine Zucht, keine Ordnung bei diesen Arabern. Schier endlos zieht sich das Warten auf den Couscous hin.

Wie Zeit quälend echt vergeht, gehört zu den herausragenden Stilmitteln des Films. Was ist so spannend an Ereignislosigkeit? Zum einen die Emotionen, die ein umwerfendes Team von Laiendarstellern mit kaum auszuhaltender Intensität vermittelt: die Furcht vorm Scheitern auf Seiten von Slimanes Helfern, die Häme seiner leiblichen Tochter, die es mit der Ehre der Mutter hält, die Gekränktheit seiner Geliebten, die sich angesichts des Familienunternehmens als Paria fühlt.

Zum anderen ist es die Nachwuchsschauspielerin Hafsia Herzi, die in der Rolle der Rym das größte Opfer bringt. Um die Gäste abzulenken, bietet sie sich als Bauchtänzerin dar. Ihr schweißtreibender Tanz wird zum Synonym orientalischer Zerrissenheit im klischeeverliebten Westen. Zurückgeworfen auf jene Exotik und Erotik, die man "den Arabern" gerne abkauft, tanzt das Mädchen am Rande der Selbstverleugnung: In Tunesien gilt der Bauchtanz als anstößig, Frauen tanzen für Frauen.

Die Entschlossenheit, mit der die junge Muslimin ein ambivalentes Frauenerbe ausspielt, um anstelle der Söhne Frankreich zu gewinnen, setzt Maßstäbe. Was geht ab? Die Mädchen gehen ab - und stampfen Vorurteile in den Boden.

Autor:  HEIKE KÜHN
Datum:  28 | 8 | 2008
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