Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Film

17. Januar 2012

Filmkritik zu "J. Edgar": Das Skelett im Aktenschrank

 Von Daniel Kothenschulte
Er leitet einen Staat im Staate: Leonardo DiCaprio als FBI-Gründer J. Edgar Hoover.  Foto: Warner Bros

War FBI-Chef Hoover ein unterdrückter Schwuler? In Film „J. Edgar“ mit Leonardo DiCaprio interessiert sich Regisseur Clint Eastwoods vor allem für ein vergessenes Hoover-Opfer: Hoover selbst.

Drucken per Mail
J. Edgar

USA 2011. 136 Minuten, Farbe. FSK ab 12. Regie: Clint Eastwood. Drehbuch: Dustin Lance Black Kamera: Tom Stern
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Armie Hammer, Naomi Watts, Judi Dench u.a.

Clint Eastwood ist ein Konservativer mit einem großen Herzen. Das muss man wohl sein, um ein menschliches Filmporträt des berüchtigten Geheimdienstchefs J. Edgar Hoovers zu zeichnen. Was kann man schon Gutes sagen über den fanatischen Kommunistenjäger und Illiberalen, der von 1924 bis 1972, unter acht Präsidenten, die Behörde leitete, der er 1935 ihren weltbekannten Namen gab: das FBI. Und der sich dabei so allmächtig gebärdete, dass ihm der Ausspruch zugeschrieben wird: „Mir ist egal, wer unter mir Präsident ist.“

Hoover bekämpfte den zivilen Ungehorsam, wo er immer er ihn vermutete. Er bestach Politiker und bedrohte sie mit Geheimakten, von denen nur wenige Eingeweihte wussten, wo sie sich befanden. Charlie Chaplin vertrieb er aus den USA; noch John Lennon machte der 1972 verstorbene Hoover das Leben schwer. Man kann überrascht sein, wie wenig sich Clint Eastwood in seinem Biopic „J. Edgar“ für die prominenten Geschädigten interessiert. Doch bald versteht man, dass er sich viel mehr für ein vergessenes Hoover-Opfer interessiert: Hoover selbst.

Unter dem Einfluss einer autoritären Mutter (Judi Dench), mit der er bis zu ihrem Tod zusammenlebt, wird sein großer Ehrgeiz in enge moralische Grenzen gelenkt. Unfähig, sich emotional zu entfalten, gebiert der unzähmbare Entwicklungsdrang ein Monstrum. Hoover wird eins mit seinem Konstrukt, einem gigantischen Bespitzelungsapparat, der sich für das Gewissen Amerikas hält. Leonardo DiCaprio hat in der Titelrolle allen Grund, das Energetische, das seinen Darstellungen stets anhaftet, bis ins Verbissene zu steigern. Bald wird es im Gesicht des aufstrebenden jungen Mannes die harten Furchen von Verkniffenheit, schließlich Verhärmtheit hinterlassen.

Hoover als genialer Pedant

Wie oft will Eastwood auch diesmal erklären, wie es einem außergewöhnlichen Individuum gelingt, sich gegen äußere Widerstände zu entfalten. Der Rassist und Frauenfeind J. Edgar Hoover wäre wohl nicht gerade erfreut über die Gesellschaft, in die er so geraten ist: neben die Jazzlegende Charlie Parker („Bird“), Nelson Mandela („Invictus“) oder die Boxerin in „Million Dollar Baby“. Auch wenn sich Eastwood alle Mühe gibt, Hoover nicht zu verklären – solch eiserner Wille fasziniert ihn nun einmal. Ebenso wie der Preis, den er einem Menschen abverlangt. Hoovers Opfer ist die sexuelle Selbstverwirklichung.

Das offensichtliche Liebesverhältnis, das den homophoben Sittenwächter mit seinem Mitarbeiter Clyde Tolson verbindet, bekämpft er in dieser Filmgeschichte mit allen Mitteln. Dabei ist Homosexualität in Hoovers Welt durchaus ein Thema – als etwas, das man seinen politischen Gegnern in die Akten schreibt, um sie gegebenenfalls damit zu erpressen.

Eastwood zeichnet das Bild eines genialen Pedanten, der als junger Mann ein perfektes Ordnungssystem für die Kongressbibliothek erfunden hat und sich die Organisation der Gesellschaft nach gleicher Systematik wünscht. In einer großartigen Szene führt der junge Chef eine Angestellte (Naomi Watts) dorthin, um ihr vor dem gewaltigen Karteikasten einen Heiratsantrag zu machen. Eastwood inszeniert das als Gegenentwurf zur berühmten Szene aus „Frühstück bei Tiffany“ in New Yorks Public Library.

Doch was ist so romantisch an einem Ordnungssystem? Da möchte die Umworbene von Hoover doch lieber einen Job. Fortan wird sie die Einzige sein, die den Standort seiner bis heute verschwundenen Geheimakten kennt. Aus dem Ordnungssystem der Bibliothek wurde beim FBI eine gespenstische Geheimdatei.

Strahlkraft eines Reaktionärs

Den reaktionären Maßstäben dieses Kontrollwahns unterwirft sich Hoover selbst und reißt dabei die wenigen Menschen, die ihn lieben, mit ins Verderben. Das Problem des Films ist nur, wie wenig nahe einem das geht. Hoovers Lebensgefährte Clyde müsste das Herz rühren, doch der 25-jährige Armie Hammer wirkt denkbar blass an der Seite des zwölf Jahre älteren DiCaprio. In den emotionalsten Szenen des Films agieren die Schauspieler unter entstellendem Make-Up als Siebzigjährige.

Weiß Eastwood nicht wie kaum ein zweiter, wie man historische Filme dreht? Hier jedoch ist es mit Abbildungsgenauigkeit allein nicht getan. Um den Zuspruch zu verstehen, den Hoover zu Lebzeiten fand, müsste man neben dem Dekor auch den politischen Zeitgeist einfangen. Doch Eastwood geht hier kaum ins Detail.

Zwar weckt er keine Sympathien für Hoovers kriminelle Machenschaften, ihre politischen Auswüchse scheinen ihn allerdings nicht wirklich zu interessieren. Doch ohne das Drama des Unmenschen ist auch sein menschliches Drama nicht komplett.

Geschrieben hat es Dustin Lance Black, der Autor von „Milk“. „Töte ich immer alles, was ich liebe?“, lässt er den homophoben Homosexuellen Hoover einmal seine aufopferungsvolle Sekretärin fragen. „Wieso?“, antwortet sie kühl, „er lebt ja noch.“ Womit aber hat Hoover seine Getreuen so fasziniert? Von der fatalen Strahlkraft dieses Reaktionärs vermittelt der kritische Republikaner Eastwood nur sehr wenig. Vielleicht, weil dessen Welt mit Eastwoods philanthropischer Idee vom Konservatismus dann doch unvereinbar ist.

J. Edgar USA 2011. Regie: Clint Eastwood, Drehbuch: Dustin Lance Black, Kamera: Tom Stern. Mit Leonardo DiCaprio, Armie Hammer, Naomi Watts. 136 Min.; Farbe. FSK ab 12. Ab Donnerstag im Kino.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Für welche Filme lohnt sich der Weg in Kino? Lesen Sie die Rezensionen der FR-Filmkritiker und sehen Sie die aktuellen Trailer.

Service
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Anzeige

Filmtipps
Medien