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Filmkritik zu "Police, adjective": Das Bewusstsein auf Linie bringen

Ein Polizist steht zwischen Gesetz und Gewissen: "Police, adjective" untersucht das Treiben der Polizei in Rumänien. Der Film ist mehr als ein Krimi.

Cristi (Dragos Bucur) muss einen Schüler wegen einer Lappalie beschatten.
Cristi (Dragos Bucur) muss einen Schüler wegen einer Lappalie beschatten.
Foto: rtr

Die Schrift ist ein seltener Gast im Film. Meistens wird sie gezeigt, um die handschriftliche Emphase der tintenklecksenden und federkielwetzenden Vergangenheit vorzuführen. Der Kamera geht es meistens um das Schöne an der Schrift – selten um den Inhalt des Geschriebenen, der Zuschauer soll in der Regel nicht lesen.

Der rumänische Filmemacher Corneliu Porumboiu hat dagegen mit „Police, adjective“ einen Film über Texte, Worte und Beschreibungen gedreht; Geschriebenes tritt neben Gezeigtes. Der seltsam anmutende Titel klingt im Rumänischen nicht weiter kryptisch, das Adjektiv „politist“ bestimmt Romane und Geschichten als Krimis. „Police, adjective“ ist auch ein Krimi, aber das Treiben der Polizei wird in diesem Film nicht unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit betrachtet, sondern eher auf seine „Eigenschaften“ hin untersucht. Der Polizist stellt nicht, wie im traditionellen Kriminalfilm, die Ordnung wieder her, sondern reibt sich auf zwischen Recht und Gewissen.

Was soll das sein: Gewissen?

Ein junger Polizist namens Cristi wird abgestellt, einen 15-jährigen Schüler zu beschatten, der mit Freunden Haschisch geraucht haben soll; man verdächtigt ihn des Drogenhandels. Der Fall ist im Grunde ziemlich lächerlich, die Verdachtsmomente sind durchaus vage – aber dennoch wird Cristi von seinen Vorgesetzten getrieben, dem Jungen das Leben mit einer Haftstrafe zu verbauen. Cristi will das nicht; er glaubt, dass auch in Rumänien der Konsum von Haschisch demnächst straffrei sein wird, so wie im größten Teil Europas auch.

Cristi wird jedoch nicht dafür bezahlt, sein individuelles Gerechtigkeitsempfinden zur Richtschnur des Handelns zu machen, sondern dem Gesetz zur Geltung zu verhelfen. Der Mann muss auf Linie gebracht werden. Und das überraschende Mittel dazu ist – Sprachkritik. Bei seiner Freundin erweist sich Cristi als empfindlich gegen den metaphorischen Stuss eines Schlagers, den sie wieder und wieder hört. Als er sich seinerseits vor seinem Offizier mit dem Hinweis auf sein Gewissen weigert, eine Razzia gegen den Schüler zu veranstalten, nimmt der ihn in die Zange: Was soll das sein: „Gewissen“? Cristi stammelt. Da nötigt ihn der Offizier zur lauten Lektüre des Wörterbuchs samt allen Verweisen zu „Gewissensbiss“, „Gesetz“, „Moral“. Und wir dürfen gelegentlich im Wörterbuch mitlesen.

Wir müssen ohnehin an manchem in Echtzeit teilnehmen: Der Film beginnt mit einer langen Beschattung; wir sehen erst den Beobachteten eine Straße entlang laufen, dann sehen wir seinen Beobachter die gleiche Straße entlang laufen. Die Kamera ihrerseits beobachtet die Beobachtung aus subtil veränderten Positionen, mal läuft sie mit, mal schwenkt sie, mal steht sie still. Danach müssen wir Cristis handschriftliche Berichte über die Beschattungen lesen; wer kein Rumänisch kann, dem helfen die Untertitel.

Das ist sehr intelligent gemacht und will dem Filmfreund nicht nur eine schlichte „politist“-Geschichte erzählen, sondern ihn über sein Sehen, Betrachten und Verstehen aufklären. Der 1975 geborene Corneliu Porumboiu ist neben Cristian Mungiu („4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“) einer der prominenten Vertreter des neuen rumänischen Kinos. Für seinen ersten Film „12:08 East of Bucharest“ hat er 2006 die Camera d’Or für das beste Debüt beim Festival Cannes gewonnen. „Police, adjective“ wurde 2009 in Cannes mit dem Jury-Preis der Sektion „Un Certain Regard“ ausgezeichnet. In dem Film gibt es keine Musik; es herrschen lange, gleichsam beobachtende Einstellungen ohne Schnitt vor; der Fokus liegt auf Alltäglichem wie dem Abendbrot, dem Anzünden der Zigarette, dem Zähneputzen.

Beim Sehen dieses Films hat man auch den Eindruck, da hat einer viele französische Philosophen gelesen. Der Offizier nennt seine Methode, Cristi über das „Gewissen“ aufzuklären, Dialektik. Das ist natürlich Unsinn – tatsächlich wird hier ziemlich grob dekonstruiert, also Schritt für Schritt aufgeklärt, was für Ansichten die Figuren – eingeschlossen das Wörterbuch – ihren Begriffen zu Grunde legen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Am Ende kann man in schöner Übertreibung alles zum „Text“ erklären, der „gelesen“ werden muss, so dass die Bilder der Beschattung und der Bericht von der Beschattung lediglich unterschiedliche „Texte“ sind. Damit beginnt der dokumentarische Stil dieses Films interessant zu schillern.

Police, adjective (Politist, adjectiv) Rumänien 2009. Buch & Regie: Corneliu Porumboiu, Kamera: Marius Panduru, Darsteller: Dragos Bucur, Irina Saulescu, Ion Stoica, Vladimir Ivanov u.a.; 113 Minuten, Farbe. FSK o. A.

Autor:  Peter Uehling
Datum:  13 | 1 | 2012
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