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Film

05. Januar 2011

Filmstart "Das Labyrinth der Wörter": Kultur ist Privatvergnügen

 Von Daniel Kothenschulte
Die Vorleserin (Gisèle Casadesus) und ihr Verehrer und Retter (Gérard Depardieu).  Foto: Concorde

Ein Film vom Erwachsenwerden eines 60-Jährigen, aber auch ein Film über die Erziehung zur Kultur und vor allem ein Film mit Gérard Depardieu. Jean Beckers „Das Labyrinth der Wörter“ verzichtet auf alles Überflüssige.

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In den deutschen Art-House-Kinos ist der Altersdurchschnitt inzwischen zehn Jahre höher als noch vor fünf Jahren. So hat zwar mancher Kinobetreiber schon lange keinen Teenager mehr gesehen, dafür aber dürfen Regie-Veteranen wieder darauf hoffen, dass ihr Publikum mit ihnen alt wird. „Das Labyrinth der Wörter“, der jüngste Film des 77-jährigen Jean Becker, handelt vom Erwachsenwerden eines Sechzigjährigen. Gérard Depardieu spielt Germain, einen handwerklich geschickten Mann mit sonnigem Gemüt, der aus Gründen, die wir für gegeben halten wollen, eine hübsche junge Freundin hat.

Dass ihm dennoch etwas fehlt im Leben, vermittelt ihm die Begegnung mit einer alten Dame auf einer Parkbank. Auch wenn man es ihrer Darstellerin, der 1914 geborenen Gisèle Casadesus, nicht ansieht, ist sie ihm an vier Jahrzehnten Lebenserfahrung überlegen. Und einer Leidenschaft, dem Lesen. Germain dagegen ist nahezu Analphabet – aber auch ein guter Zuhörer. Als ihm die alte Dame aus Camus’ „Pest“ vorliest, wimmeln die Ratten plastisch vor seinen Augen.

Eine alte Kinogeschichte

Jean Becker erzählt hier die alte Kinogeschichte über eine Erziehung zur Kultur, wie sie sein Zeitgenosse François Truffaut seinerzeit über den „Wolfsjungen“ entspann. Nur dass dieses Erwachen hier in einem Alter geschieht, in dem für gewöhnlich die Weichen des Lebens längst gestellt sind. Depardieu spielt diesen Mann, der nie unter seiner fehlenden Bildung gelitten hat und dem sich nun eine neue Lebensdimension erschließt, ohne Herablassung. Als die alte Dame plötzlich auf der vertrauten Parkbank fehlt, weil sich ihre Angehörigen das teure Altenheim nicht mehr leisten können, startet er eine Rettungsaktion.

Der Film „Das Labyrinth der Wörter“ ist selbst alles andere als redselig. Die literarischen Zitate sind knapp, aber klug gewählt – Luis Sepulvedas „Der Alte, der Liebesromane las“ spielt eine besondere Rolle – und das beste an ihnen ist, dass sie für nichts anderes stehen als die Poesie der Sprache selbst. Die Hochkultur ist hier keine Eintrittskarte in eine bürgerliche Welt, und sie kommt auch nicht mit einem besseren sozialen Status daher. Die Lust an den Worten ist bei Becker reine Privatsache. Nicht einmal teilen lässt sich der neue Horizont so einfach, wie Germain erkennen muss. Wenn er seinen erweiterten Wortschatz im Bekanntenkreis einfließen lässt, wird er belächelt.

Der Regisseur, der als Sohn des großen Jacques Becker die Filmkultur in die Wiege gelegt bekam und seit 1961 Filme dreht, verzichtet auf alles Überflüssige. Seine Bilder sind einfach komponiert und sommerlich-klar. Wie die Bücher, von denen er erzählt, laden sie ein in eine herrliche Kultur.

Das Labyrinth der Wörter, Regie: Jean Becker, Frankreich 2010, 82 Minuten.

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